Der politische Euro

Gestern wurde die wahre Eurokrise mal wieder deutlich: Auf unserem Kontinent kann kaum einer singen. Zugegeben, das Wort Eurokrise in Verbindung mit den Eurovision Song Contest zu setzen ist denkbar flach. Aber nur auf den ersten Blick. Denn trennt man sich vom oberflächlichen Getraller wird sehr wohl deutlich, wo der Schuh drückt.

Man könnte darüber sprechen, ob Deutschland Punkte aus Griechenland bekommen hätte, wenn man dem Land gegenüber in den letzten Monaten anders aufgetreten wäre. Man könnte darüber reden, ob Anke Engelkes Statement notwendig und richtig war oder oberlehrerhaft und arrogant, wenn man im gleichen Atemzug in eigener Landessprache den Staatsbürgern dankt, die ein vermeintliches Propaganda-Ereignis inklusive Unterdrückung der Opposition erst möglich gemacht haben. Und wieder einmal könnte man darüber reden, ob es richtig ist, dass sich einige Länder gegenseitig die Punkte zuschieben und dabei vergessen, dass unsere Nachbarn uns offenbar nicht so gern haben.

Könnte man. Aber das wäre der falsche Ansatz. Der Eurovision Song Contest ist eine Spaßveranstaltung. Sie lockt eine dreistellige Millionenzahl an TV-Zuschauern quer durch Europa vor die TV-Geräte. Damit ist der Wettbewerb ein Stück weit europäische Kultur. Nicht deutsche, nicht schwedische oder aserbaidschanische. Europäische.

Gestern Mittag ging mir das Ganze Griechenbashing und Sarrazin-Gelaber so auf den Sack, dass ich via Twitter mal kurz und bündig meine Meinung zum Euro sagen musste:

Damit ist der Euro, wenn auch in ganz anderem Maßstab, etwas ähnliches wie der Song Contest. Er dient nicht dazu, Gewinne einzustreichen. Er ist vermutlich auch nicht immer gerecht. Er hat den Zweck, uns zusammen zu bringen. Er hat den Zweck, Grenzen abzubauen. Er hat den Zweck, gemeinsame Identität zu stiften.

Leider scheint unsere Denken häufig doch eher materiell und kurzfristig zu sein. Statt uns über Zusammenwachsen und zusammen feiern, wie es vor nicht einmal hundert Jahren noch unvorstellbar gewesen wäre, zu freuen, finden wir in unseren Gemeinsamkeiten Dinge, uns zu trennen und prügeln aufeinander ein. Wollen Griechenland aus dem Euro und Aserbaidschan aus dem ESC schmeißen. Bezahlen sollen bitte nur die anderen und gewinnen, wer von uns ist – oder Schweden. Auf meinen Euro-Tweet bekam ich teils harsche Antworten. Trauriger Tiefpunkt war dieser:

Nein, wir führen keinen Krieg gegen Ländern, die eine andere Währung haben. Aber in Europa sind schon Konflikte wegen ähnlichen Dingen ausgebrochen. Ich gehöre einer Generation an, die ständigen Frieden in Europa gewohnt ist. Einer Generation, die Grenzkontrollen und Geldwechseln nicht für normal sondern für lästig empfindet. Einer Generation, die ein geeintes Europa für selbstverständlich hält. So selbstverständlich, dass sie sich nicht mit weniger abfinden will.

Uns allen in Europa kommt der Frieden und die wenn auch ruppige Freundschaft selbstverständlich vor. Das Problem ist aber: Dies ist nicht selbstverständlich. Es fußt auf all dem, was seit dem 2. Weltkrieg und seit dem Wandel im Osten aufgebaut wurde. Nichts von dem sollten wir leichtfertig wieder zurück geben. Egal ob es eine viel zu schwere 50cent-Münze, oder ein paar singende Omas aus Russland sind.

PS: Empfohlen sei auch dieser Griechenland-Kommentar von Marc Beise

Zusammenfassung: Ergebnisse meiner Diplomarbeit

Noch etwa 1 1/2 Wochen muss ich warten, bis ich weiß, für wie gut meine Diplomarbeit befunden wird. Geht man rein nach dem außer-universitären Interesse, brauche ich mir keine Sorgen machen. Bereits einige Leute fragten mich nach der Arbeit, weil sie einen Blick hinein werfen wollten oder sie sogar rezensieren wollen. In den nächsten Tagen geht die Komplettfassung an die Redaktionen, sollten dann keine Einsprüche kommen, wird es danach eine book-on-demand Variante geben (ggf auch als e-book).

Eine gekürzte und leicht bearbeitete Fassung meines Fazits kann man bereits jetzt auf CARTA nachlesen.

Wie es nach dem Studium für mich weiter geht, ist noch nicht ganz sicher. Ein paar Sätze dazu habe ich bereits auf meiner Homepage verfasst.

Twitter, Wiwo und kanadische Hauptstädte

Gestern Abend las ich Wirtschafts Woche-Beitrag “Die 100 wichtigsten Internet-Köpfe in Deutschland“. Dabei stieß ich auf der zweiten Seite auf die Bilderstrecke “Die besten Standorte für Start-ups“, die ebenfalls mein Interesse weckte. Auf Bild 8 (Platz 4) fand ich die kanadische Stadt Toronto, die ich schon mehrfach besucht habe, mit einem beeindruckenden Bild der Skyline. Dumm nur dass im Text dazu ein dicker Fehler zu finden ist. Dort steht:

“Die kanadische Hauptstadt ist der wichtigste Finanzplatz des Landes.”

Toronto ist aber mit nichten die Hauptstadt Kanadas. Das ist die gut 400 Kilometer entfernte Stadt Ottawa. Die ist zwar deutlich kleiner als Toronto, das sehr wohl größte Stadt Kanadas ist – aber eben nicht die Hauptstadt. Um die Verwirrung noch ein wenig zu vergrößern: Beide Städte liegen in der Provinz Ontario und Toronto ist die Hauptstadt eben dieser Provinz, aber nicht die Kanadas.

Ein häufig gemachter Fehler, ähnlich wie gerne Syndey für die Hauptstadt Australiens gehalten wird (es ist aber Canberra). So etwas kann passieren, sollte in einem professionellen journalistischen Angebot aber nicht passieren.

Deshalb wies ich die WiWo via Twitter auf den Fehler hin:

Leider scheint der Twitter-Kanal der Wirtschaftswoche ein one-way-Kanal zu sein. Eine Reaktion gab es nämlich nicht und der Fehler ist immer noch online. Im entsprechenden Twitter-Account findet man ohnehin sehr selten @replies. Im Account des Ressort Beruf vermisst man sie ganz.

Schade, dass Twitter-Accounts in einigen Redaktionen immer noch als Einbahnstraßen genutzt werden. Andere machen längst vor, wie es auch sein kann und wie man – in diesem Fall zum Beispiel – von den Rückmeldungen profitieren kann.

PS: Einen Bild-Credit für das schöne Bild habe ich auch nicht gefunden. Vielleicht liegt das daran, dass man wie laut Stellenausschreibung für focus.de auch bei wiwo.de als Bildredakteur für die “Beurteilung von urheberrechtlichen Themen” als Profil nur “Grundkenntnisse im Bereich Urheberrecht” benötigt, dafür aber “gute Kenntnisse in der TV-Sendelandschaft“(sic).

Edit (08.05.12, 21:25 Uhr): Mittlerweile hat mir die Wiwo auf Twitter noch geantwortet:

Interessanter Weise kam der Tweet von einem iPhone, sprich mobil, während die Tweets sonst “via web” oder “via Tweetdeck” verfasst sind, wie ich auf die Schnelle in den letzten Tweets nachgesehen habe. Immerhin hat @wiwo in den letzten Minuten einige @replies verfasst, vorrangig als Reaktion auf einen “Uboot-Kommentar” von Jens (Hintergrund siehe hier).

Der betreffende Satz mit der Hauptstadt ist aber noch online.

Edit (09.05.12, 15:30 Uhr): Gestern Abend antwortete mir man noch, dass die Frühschicht sich um den Fehler kümmern würde.

Ich gebe zu, dass ich es etwas seltsam finde, dass man Abends noch aus der Redaktion twittert, Fehler aber erst am nächsten Morgen beheben will. So oder so, gestand ich der Frühschicht ein, noch vorher einen Kaffee zu trinken, weil… naja, seht selbst:

Ich gebe ja zu, dass es wirklich wichtigere Probleme gibt, als die Frage welche Stadt Kanadische Hauptstadt ist und meckernde Leser echt nervig sein können. Dennoch: Der Fehler ist weiterhin online…

Edit (09.05.12, 17:35 Uhr): Toronto ist nicht mehr die Hauptstadt Kanadas auf wiwo.de.

Leider hat man beim Korrigieren des Fehlers zwei neue geschaffen. Die Redaktion hat nämlich lediglich das Bild getauscht und das Wort Toronto durch Ottawa geändert. Damit stimmt zwar die Sache mit der Haupstadt, der Rest aber gar nicht mehr. Der wichtigste Finanzplatz des Landes ist nämlich sehr wohl Toronto. Und noch viel wichtiger: Die Bilderstrecke beschreibt das Startup Genome Ranking für Städte, die gut für Startups sind. Und den Platz 4 hat dort Toronto inne – nicht Ottawa, unabhängig davon, wer Hauptstadt ist.

Edit (09.05.12, 20:10 Uhr): Happy End. Das Wort Hauptstadt wurde durch Metropole ausgetauscht, ansonsten steht wieder korrekter Weise Toronot in der Bildergalerie und auch das Bild der Stadt ist wieder da.

Fazit: Viel Hin und Her um eine Kleinigkeit. Ich will wirklich nicht kleinlich sein. Eigentlich wollte ich nur auf einen kleinen Fehler, der wie gesagt vorkommen kann, wenn auch nicht sollte, hinweisen. Das dauerte dann aber länger, als ich erwartet hatte und zwischendurch noch mit einem noch größeren Irrtum. Das Beispiel zeigt aber, dass der Umgang mit User-Feedback, und das will ich ausdrücklich nicht auf die Wirtschaftswoche beschränken, noch deutlicher Optimierung bedarf. Es ist freilich nicht immer leicht, denn zwischen wirklich nützlichem Feedback, ist leider immer wieder sehr viel Spam, Beleidigung und unberechtigte Kritik.

Die re publica als Konferenz gewordene Filter-Bubble

Ist die re publica in ihrer jetzigen Form noch zeitgemäß? Das frage ich als jemand, der vergangene Woche nicht dabei war. Und ich frage es aus den Gründen, weswegen ich nicht da war.

Es ist mir zunächst ein Anliegen zu erwähnen, dass ich die Arbeit der Veranstalter nicht schlecht reden will, ganz im Gegenteil. Ich kann mir vorstellen, was für eine große Mühe dahinter steckt und man muss auch sagen: Sonst tut es ja keiner. Und ich kritisiere an dieser Stelle auch nicht, weil mein Sessionvorschlag nicht angenommen wurde (wenngleich ich es schade finde, weil ich mitbekam, dass dieses Thema am Rand eines Beitrags heiß diskutiert wurde).

Sascha Lobo forderte in seinem Vortrag, dass das Blog eine Renaissance erleben solle. Zu diesem Punkt hat Daniel Rehn einen empfehlenswerten Beitrag verfasst. Vor kurzem gab es zudem auf Diskurs lesenswerte Gedanken zur deutschen Blogosphäre.

Man muss feststellen, dass die Vernetzung in Deutschland nicht gerade hoch ist. Vor allem, wenn sie außerhalb von Berlin stattfinden soll. Es gibt nur eine Hand voll Blogs mit hohen Zugriffszahlen. Getreu dem Motto „Mit großer Macht kommt große Verantwortung“ sollten diese Blogs – vielleicht in Form von Linkempfehlungen wie 6 vor 9 im Bildblog - Aufmerksamkeit an kleinere Blogs verteilen. Da aber auch die großen Blogs nur Bruchteile der Klickzahlen der großen Nachrichtenseiten erreichen, wäre es sehr wünschenswert, wenn auch diese die Blogosphäre im Auge halten und entsprechend verlinken. Wir müssen einander auch etwas gönnen können, wie es Daniel Rehm ausdrückt. In diesem Fall sind es vor allem Leser und Aufmerksamkeit.

Was hat das nun mit der re publica zu tun? Die re publica ist die – man sollte nicht sagen größte, sondern einzige – Bloggerkonferenz in Deutschland. Hier werden Kontakte geknüpft, hier wird sich ausgetauscht, hier werden gemeinsame Pläne geschmiedet. Es finden jedoch vor allem die „Großen“ der Szene Beachtung, sowie sehr viele Speaker aus anderen Regionen der Welt. Doch ist das die Blogosphäre? Ja und nein zugleich!

Die re publica – so mein Eindruck von außen – läuft Gefahr in die gleiche Filter Bubble zu geraten, wie die Blogosphäre als solche. Netzpolitik, Spreeblick, Lawblog, Lobo und Freunde. Doch das deutsche Netz ist mehr. Sascha Lobo sagte in seinem Vortrag auch, dass die re publica die große Community der durchaus netzaffinen YouTube-Vloger nicht erreiche. Ich denke, die aktive Netzlandschaft wird allgemein sehr unrepräsentativ erreicht. Das hat zwei Gründe.

Viele der führenden Blogs kommen aus Berlin, aber nicht das gesamte Internet kommt aus Berlin. Es wäre schön, wenn man auch mal in Hamburg, München, Leipzig oder im Rhein/Main- oder Ruhrgebiet die re publica veranstalten würde. Warum sollen nicht mal die Berliner ihre Kollegen besuchen? Klar verstehe ich, dass die Organisatoren aus Berlin kommen und weiß nicht, ob etwas anderes als Berlin daher umsetzbar ist. Aber ein wechselnder Ort könnte wechselnde Impulse mit sich bringen. Die Fahrt nach Berlin ist für viele mit viel Aufwand (und auch Kosten) verbunden. Man muss lobend hervorheben, dass zum Beispiel eine Kooperation mit der Bahn ermöglich wurde und auch Live-Streams zumindest eine teil-Teilhabe ermöglichten. Aber das ist nicht das Gleiche.

Natürlich kann man auch sagen: Andere Regionen könnten selbst eine solche Konferenz auf die Beine stellen. Zum Teil wird dies ja auch getan. Und zum Teil wird es verschlafen. Dennoch sind weitere Konferenzen in gewisser Weise Konkurrenz und würden im schlechtesten Fall die Community aufspalten („gehst du zur rp oder zur XY, beides schaff ich nicht!?“).

Wie erwähnt kosten Fahrt und Übernachtung auch eine Stange Geld und da wären wir beim nächsten Punkt. Auch die re publica selbst ist alles andere als billig. Ebenso wie nicht das gesamte Internet aus Berlin kommt, kann nicht das gesamte Internet mal eben  über 100 Euro (plus Fahrt und Übernachtungen dann 300 bis 400 Euro) für drei Tage berappeln. Das überlegt man sich schon mehrfach. Und wenn man lange überlegt, weil man zum Beispiel erst wissen will, ob einen das Programm anspricht, sind die billigeren Tickets schon weg. Ohnehin sind die Early-Bird Tickets gefühlt nur verfügbar, wenn man vom letzten #npbb her weiß, wann der VVK startet um in diesem Moment online ist. Wünschenswerter als Early Bird-Tickets wären wie bei anderen Konferenzen üblich Sozialtickets für weniger Verdienende sowie Studenten.

Ich denke, mit solchen Aktionen könnte man weitere Zielgruppen erschließen und ein wenig aus der Filter Bubble „Berlin/Alphablogger/eigenesEinkommen“ heraus kommen und neue Impulse gewinnen. Bestimmt wären in anderen Städten Deutschlands auch Leute bereit, die Planung der Konferenz zu unterstützen. Für mich persönlich waren (neben privaten Gründen) vor allem der Aufwand und die Kosten der Faktor, weshalb ich nicht zur re publica gefahren bin, obwohl ich sehr große Lust dazu hatte. Ich habe lange mit mir gerungen, bin dann aber zu dem Entschluss gekommen, dass die Kosten/Nutzen-Rechnung mir nein sagt. Und ich kenne in meinem Umfeld der Blogger aus Rhein/Main und der Online-Journalismus-Studenten aus Darmstadt viele, die ebenso entschieden.

Ich bin dafür, die Blogosphäre stärke zu vernetzen (siehe dazu auch die Bloggertreffen Südhessen) und hoffe, dass die Diskussion, die Sascha Lobo angestoßen hat und Daniel Rehm ausgeführt hat, nicht verebbt. Wichtig dafür ist aber, dass die Diskussionen mit möglichst vielen geführt werden und nicht, wie leider auch viel zu viele Links in unserer Blogosphäre, in einem engen Zirkel verbleiben. Dafür könnte es auch sinnvoll sein, die Gestalt der Bloggerkonferenz in Deutschland für die Zukunft etwas zu überdenken. Immerhin ist laut Lobo 2013 das “entscheidende Jahr”. Meine Anmerkungen in diesem Beitrag seien daher als Anregungen zu verstehen und nicht als Kritik. Eine Diskussion darüber ist erwünscht, auch wenn ihr mir widersprecht.

NRW-Duell: Röttgen offensiver, Kraft souveräner (mit Presseschau)

Gestern Abend fand das TV-Duell zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen statt. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und CDU-Herausforderer und Bundesumweltminister Norbert Röttgen setzten sich im WDR mit den Fragen von Gabi Ludwig und Jörg Schönenborn, vor allem aber mit dem jeweiligen Kontrahenten auseinander.

Das war der große Pluspunkt des Duells: Es wurde viel diskutiert, die Moderatoren hielten sich im Hintergrund und die Politiker gingen aufeinander ein. Das lag vor allem an Norbert Röttgen, der von Anfang an versuchte, Hannelore Kraft zu attackieren. Diese brauchte zu Beginn ein wenig, war vielleicht von der Angriffslust ihres Konkurrenten überrascht. Sie fand dann aber recht gut in den „Infight“ und hielt über weite Strecken Augenkontakt zu Röttgen, welcher wiederum häufiger in die Leere guckte.

Und so entstand ein Duell, in dem Röttgen engagiert wirkte, aber an vielen Stellen überdrehte. Seine schwächsten Stellen waren, als er Rot-Grün vorwarf, in den vergangenen zwei Jahren die Energiewende in NRW verschlafen zu haben – genau jene Zeit, in der Röttgen selbst die AKW-Laufzeiten erst verlängerte um sie nach Fukushima wieder zu verkürzen. Und: Als Röttgen das Schuldenmachen der Landesregierung kritisierte aber auch auf mehrfache Nachfrage selbst keine Sparkonzepte vorlegen konnte, die über „den Willen zu Sparen“ hinausgingen.

Kraft hingegen wirkte gelegentlich genervt von Röttgen und geriet vor allem zu Beginn häufig in die Defensive. Unterm Strich hatte sie ihr Auftreten aber besser im Griff als Röttgen, der mitunter seltsame Grimmassen schnitt oder während Kraft redete ununterbrochen nickte, um ihr dann zu widersprechen. Zudem viel er ihr zu häufig mit Aussagen wie “doch” oder “nein” in das Wort. Kraft nahm man ab, dass sie das, was sie sagte, auch wirklich für richtig hält. Am Wähler liegt es zu entscheiden, ob auch er das tut.

Viele Wähler schalteten aber nicht ein. Laut Meedia schauten nur 870.000 Personen zu. Dies wird, wie bei TV-Duellen ohnehin meist, die Nachberichterstattung umso bedeutender machen. Viele Nachrichtenseiten hatten das Duell heute Morgen prominent auf ihrer Seite, einige sogar als Aufmacher. Nachfolgend eine kurze Presseschau:

Rainer Kellers kommt für den WDR (auch tagesschau.de) zu einer ähnlichen Ansicht, wie ich. Er schreibt, dass Röttgen gut begann, aber auf die Dauer zu penetrant war. Zudem verweist er darauf, dass Röttgen stark schwitzte. Als Schlussfazit schreibt Kellers: „Norbert Röttgen hat sich gut geschlagen. Aber nicht gut genug, um Hannelore Kraft und der SPD noch einmal gefährlich zu werden.

In der Rheinischen Post kommen zwei Experten für Körpersprache zu Wort. Ihnen zufolge geht der Sieg „mit dramatischen Abstand“ an Kraft. Röttgens Auftritt sei „nahezu ein Desaster“ gewesen. Ziemlich deutliche Worte. Die online-Redakteure der tendenziell CDU-nahen Zeitung hatten gestern Abend die Sache noch anders gedeutet, schrieben „Im TV-Duell hat Norbert Röttgen Punkte gut gemacht.

Auf der Westen (Online-Plattform der WAZ-Gruppe) lautet das Fazit: Unendschieden. Tobias Blasius schreibt, die Spitzenpolitiker seien sich treu geblieben. Kollege Frank Fligge sagt, es gebe keine neuen Erkenntnisse.

In der taz analysiert und kommentiert Pascal Beucker das Duell und sieht Röttgen als Verlierer, den bestenfalls ein Unentschieden gelungen sei. Beucker schreibt Röttgen habe gewirkt „wie einer jener unangenehmen Klassenstreber, mit dem auf dem Pausenhof niemand spielen will” oder aber „wie ein Boxer, der nach Punkten uneinholbar zurückliegt und nun in der letzten Runde wild um sich schlägt.

Für die Süddeutsche Zeitung schreibt Michael König über das TV-Duell und zieht der Vergleich zum Duell Rüttgers-Kraft hervor. König glaubt, Kraft habe aus dem damaligen Duell gelernt und habe den Amtsinhaber-Bonus ausgespielt – der wiederrum habe Rüttgers damals jedoch nicht geholfen. Röttgen kommt aber auch hier nicht gut weg, wird unter anderen als „oberlehrerhaft“ beschrieben.

Jörg Diehl schreibt auf Spiegel Online, dass sich beide Kontrahenten zu sehr in Zahlen verheddert hätten. Kraft habe sich zu sehr auf Röttgens Stil eingelassen. Der wiederrum habe es versäumt, eigene Inhalte vorzustellen. Diehl: „So arbeitet er sich fast ausschließlich an Positionen der Ministerpräsidentin ab – wobei er nicht selten Standpunkte behauptet, die Kraft bereits mehrfach dementiert oder präzisiert hat.

Die Tür zu großen Koalition haben die beiden Spitzenkandidaten am Montag nicht zugeschlagen“, schreibt Reiner Burger für die FAZ. Warum er im gleichen Text neun Mal „Frau Kraft“ schreibt, in einem Absatz sogar drei Mal aufeinander, weiß man jedoch nicht. Röttgen jedenfalls wird nicht mit dem Ausdruck „Herr“ versehen.

Bei Zeit Online ist von einem Duell für Eingeweihte die Rede. Lenz Jacobsen sahein[en] angriffslustige[n] Röttgen und eine Ministerpräsidentin Kraft, die nicht viel mehr machte, als diese Angriffe abzuwehren.“ Kraft sei dennoch die Siegerin, weil sie im Stil punkten könne. Jacobsen schreibt: „Zu Beginn seines Schlussstatements spricht er die Zuschauer als “liebe Bürgerinnen und Bürger” an. Hannelore Kraft sagt: “liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger”. Solche Details sind es, die Wahlen entscheiden können.

Bei der Westen und bei sueddeutsche.de gibt es übrigens auch User-Votings, wer das Duell gewonnen habe. Bei Der Westen liegt Kraft mit über 50 Prozent vor Röttgen mit knapp über 20 Prozent. Bei der Süddeutschen sind es sogar fast 90 Prozent, die für Kraft votierten.

Was gut ist

Meine Diplomarbeit macht riesen Fortschritte. Manche behaupten ja, ich wäre fertig. Aber die übersehen, dass auch schlappe 60 Seiten redigiert werden wollen und auch Anhänge hübsch sein sollten, damit die Dozentenaugen nicht weinen müssen.

Die unredigierte Form der Arbeit lässt sich übrigens so zusammen fassen:

An dieser Stelle ist es auch noch mal an der Zeit ein großes Dankeschön an die Redaktionen von tagesschau.de, sueddeutsche.de, hr-online und FNP.de zu platzieren.

Besonders danken möchte ich zudem noch Sabine Klein (tagesschau.de), Stefan Plöchinger (sueddeutsche.de) und Sebastian Holzapfel (FNP.de), dass sie mir in den vergangenen Tagen auch im Nachgang noch per e-mail Rückfragen beantwortet haben und das allesamt in kürzester Zeit. Von einem Redaktionsleiter noch um Mitternacht eine Antwort zu bekommen, habe ich zum Beispiel nicht erwartet.

Zu Beginn meiner Arbeit bzw. kurz davor war ich nicht so optimistisch, was das angeht. Kein Geheimnis, dass zwei große Redaktionen mir abgesagt haben. Im einen Fall ohne Angabe von Gründen. Im anderen, weil man nicht genug Platz habe.

Ich bin froh, dass es bei den genannten Redaktionen mit einem Besuch klappte und deren Verantwortliche mir wertvolle Zeit schenkten. Die Redaktionen erwiesen sich nicht nur wegen der zuvorkommenden Leute dort als Glücksfall. Auch der Vergleich öffentlich-rechtlicher Rundfunk mit privatwirtschaftlicher Tageszeitung stellte sich als die vermutlich spannendste Kombination dar.

Freuen würde ich mich, wenn die folgenden Semester auch in anderen Redaktionen Glück haben, denn die Arbeit bietet definitiv Raum für Anschluss-Forschungen. Leider sind in unserer Branche aber noch zu häufig Kontakte, soziales Milieu oder das Geschlecht Kriterium. Egal ob es um Praktika, Forschungsarbeiten oder feste Jobs geht. Aber das ist noch einmal ein eigenes Thema. Eines, das sich aber so ganz nebenbei auch für eine Abschlussarbeit anbieten würde.

Diplom: Erste Ergebnisse

Etwa die Hälfte meiner Bearbeitungszeit für meine Diplomarbeit ist vorbei. Und in etwa die Hälfte der Arbeit ist gemacht. Alle Redaktionsbesuche und Expertengespräche habe ich durchgeführt, transkribiert und größtenteils auch ausgewertet. Die neuste Fassung der Gliederung steht, jetzt muss nur noch getippt werden was das Zeug hält. Und danach vermutlich noch einmal ordentlich gekürzt. Das Beruhigende: Das sind beides Grunddisziplinen des Journalistendaseins.

Noch einmal zur Einordnung: Meine Arbeit behandelt Arbeitsabläufe in Online-Redaktionen. Dabei geht es vor allem darum zu untersuchen, ob die Mediengattung der „Mutter“ der jeweiligen Online-Redaktion Auswirkungen auf die Arbeitsabläufe hat. Methodisch stütze ich mich auf Beobachtungen, aber vor allem Leitfadeninterviews mit Redaktionsverantwortlichen. Der Fokus liegt auf den Redaktionen tagesschau.de und sueddeutsche.de, ergänzt werden diese durch hr-online (Nachrichtenredaktion) und der Online-Redaktion der Frankfurter Neuen Presse (FNP).

An dieser Stelle will ich interessierten Lesern schon einmal stichpunktartig einige Ergebnisse meiner Auswertung spoilen:

  • Die Gemeinsamkeiten unter den Online-Redaktionen sind grob vereinfacht gesagt größer als die zum jeweiligen Muttermedium
  • Die Struktur der Schichten ähnelt sich auffallend, obwohl zum Teil die jeweilige Mutterredaktion indirekt eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der Schichten spielt
  • Der Tagesverlauf der Besucherzahlen folgt überall einem sehr ähnlichen Muster. Dieses Schema scheint stärkeren Faktoren zu folgen als Produktionsstöße, die aber spürbaren Einfluss haben können
  • Die besuchten Online-Redaktionen zeigten große redaktionelle Unabhängigkeit von der „Mutter“
  • Keine Überraschung, aber dennoch nicht unwichtig: Alle Angebote sind textkonzentriert
  • Die Vorbildung der Redaktionsmitglieder weißt auffällige Tendenzen zum jeweiligen Stammmedium auf
  • Die Art der von der Mutter übernommenen Inhalte verfolgen sehr gegensätzlichen Mustern
  • Identische Funktionen von Angestellten haben in den einzelnen Redaktion häufig unterschiedliche Bezeichnungen
  • Alle Redaktionen sind für Besucher nicht unkompliziert zu erreichen. Anmeldungen und Pförtner, teilweise Schranken, erschweren den Weg dorthin
  • Spiegel Online ist für viele Vorbild und „so wollen wir gerade nicht sein“-Objekt zugleich
  • Alle Redaktionen machen sich Gedanken um die Optimierung ihrer Arbeitsabläufe

Ich hoffe, meine Arbeit kann im Anschluss auf eine noch zu bestimmende Art veröffentlicht werden und allen Redaktionen helfen. Denn meine vielleicht grundlegendste Erkenntnis, auch wenn diese meine Forschungsfrage nur am Rand tangiert, ist folgende: Die Redaktionen haben nichts voneinander zu befürchten. Konkurrenten sind sie nur in einem sehr übertragenden Sinn, weil – auch aufgrund der jeweiligen Stammmedien – sehr wohl unterschiedliche Klientel und Bedürfnisse bedient werden. Voneinander lernen könnten die Redaktionen an vielen Stellen aber sicherlich.

Der Arbeitstitel meiner Diplomarbeit hat sich durch weitere Präzisierung mittlerweile übrigens zu folgendem stolzen Wortgefecht angesammelt:

Arbeitsabläufe in deutschen journalistisch-nachrichtlich arbeitenden Onlineredaktionen im Vergleich unter besonderer Berücksichtigung des jeweils zugrunde liegenden Stammmediums an Hand der Beispiele tagesschau.de und sueddeutsche.de sowie ergänzend hr-online und FNP.de.

Da dies zwar ziemlich präzise den Inhalt beschreibt aber wenig griffig klingt, ist das Ganze in den Untertitel gerutscht. Der neue Titel steht noch nicht fest. Darum kümmere ich mich später.