Impressionen zum Bildungssystem (Bildungsstreik-Reihe) Teil 2 „Der Bologna-Prozess“

BildungsstreikViel wird über den Bologna-Prozess, eines der Kernanliegen im Bildungsstreik gesprochen. Ich will hier beschreiben, was mir erzählt wurde, was mich zum Nachdenken brachte- und sicher auch andere dazu anregt.

Ich bin privilegiert. Ich studiere noch auf Diplom. Mein Studiengang ist soweit ich weiß jedoch der letzte an meiner Hochschule, der auf das neue Bachelor-Master System umgestellt wird. Ab nächstem Jahr ist es soweit, freilich nur für die Neuen.

Die Ziele dieser Umstellung, benannt nach dem Ort des Beschlusses, Bologna-Prozess, sind an für sich edel: Die Studiengänge sollen international vergleichbar sein, Austausch und Studienortwechsel leichter, die Studienzeit verkürzt werden. Leider hapert es, wie bereits beim G8, an der Ausführung.

Es gibt in der Regel Module und „Credit-Points“ und man muss genug zusammen bekommen, um zu bestehen. Was genau wie und wo zu welchem Modul gehört, ist meist schon für die Studierenden eines Studiengangs schwer genug zu verstehen, also erwartet nicht, dass ich es genauer beschreiben kann. Wie schon erwähnt, ich bin privilegiert.

auswendigHinzu kommen oftmals Anwesenheitspflichten und unzählige Prüfungen. In einigen Kommentaren im Internet las ich, dass dadurch den Studenten „Feuer unterm Arsch“ gemacht würde. Dazu folgende Geschichte: Eine Freundin, die einen naturwissenschaftlichen Bachelor macht, sagte mir ganz offen, dass es für sie nur selten möglich sei, anständig zu lernen. Das meiste würde kurzfristig für die vielen Klausuren auswendig gelernt und sei danach weg, nicht nur bei ihr.

Und nun der Witz an der ganzen Sache: Schon mehrfach hörte ich, dass internationaler Austausch durch Bologna sogar schwieriger geworden sei! Die USA überlegen vielerorts sogar ihr Bachelor-Master System umzubauen, in unser altes Diplom-System.

Noch etwas: Der Bachelor ist dem Wesen nach angeblich der erste „berufsbefähigende Abschluss“. Ein weiterer Kumpel, ebenfalls Naturwissenschaftler, jedoch auch privilegiert, wies mich auf folgendes hin: Als Lehrer werden von den Ländern, immerhin denen die für die Hochschulpolitik zuständig sind, nur Master-Absolventen genommen. Keine Bachelor of education. Da fragt man sich natürlich, wenn die Ländern den eigenen „berufsbefähigen Abschluss“ nicht als „berufsbefähigend“ ansehen, wer dann?

Für viele muss also auf den Bachelor noch der Master folgen, zwei weitere Jahre, insgesamt dann fünf- statt vier (man erinnere sich an die Studienzeit-Verkürzung). Dafür soll der Master mehr Spezialisierungen zulassen. Einziges Problem: Es gibt derzeit nicht genügend Master-Studienplätze in Deutschland, die Zulassungsbeschränkungen sind dementsprechend oft sehr hoch.

Zu Teil 1: G8 alias “Turboabi”
Zu Teil 3: Abi und dann?
Zu Teil 4: Studiengebühren
Zu Teil 5: Wettbewerb

3 Gedanken zu “Impressionen zum Bildungssystem (Bildungsstreik-Reihe) Teil 2 „Der Bologna-Prozess“

  1. Der Artikel fasst viele der immer wieder diskutierten Kritikpunkte auf – leider dürfte es schwer fallen, sie zu entkräften. Ein paar Dinge stellen sich sicher je nach Studiengang unterschiedlich dar. Klausuren z.B. sind die tyische Prüfungsform in vielen Naturwissenschaften, aber es ist nicht gottgegeben, Studies nur in solche Prüfungen zu zwingen. Wir haben z.B. den Vorteil, dass in einigen Modulen auch praktische Arbeiten (Artikel etc.) als Leistung bewertet werden können.

    Eine weitere grundsätzliche Änderung ist wichtig: Im Bachelor (auch im Master) fließen typischerweise die Noten aller Module (das sind de facto meist zwei, drei zueinander passen sollende Lehrveranstaltungen) in die Abschlussnote ein. Ohne dass die Dozenten es noch extra befördern müssten, zwingt dies bestimmt zu kontinuierlicherer Präsenz (und Leistung). Außerdem ist genau vorgeschrieben, aus wie viel Unterricht ein Semester besteht – und da wird davon ausgegangen, dass Studieren ein Vollzeitjob ist.

    Im Bachelor Online-Journalismus, der tatsächlich eines der letzten Umstellungsprodukte unserer Hochschule ist, hatten wir zumindest den Vorteil, uns erst mal anschauen zu können, wie andere Bachelor-Studiengänge funktionieren bzw. wo Probleme sind. Wir hoffen, dass wir hieraus – dort wo es möglich war – die richtigen Schlüsse gezogen haben. Auch wenn mich persönlich das Bachelor-Prinzip wirklich nicht begeistert, habe ich dennoch des Gefühl, dass wir ein paar ganz gute Neuerungen (auch Entrümpelungen) vornehmen konnten.

    Das Problem mit den Masterstudiengängen ist tatsächlich ein Großes: Denn es ist politisch gewollt, dass nur ein kleiner Teil der BA-Absolventen einen Master-Studienplatz bekommen soll. Die Logik: Die Leute sollen früher in den Job, und wenn sie nach ein paar Jahren nicht weiterkommen, eben einen Weiterbildungsmaster belegen. Der muss dann meist teuer bezahlt werden. Eine gewisse neoliberale Denke kann man dem sicher nicht absprechen, wobei natürlich vordergründig gut mit lebenslangem Lernen argumentiert werden kann.

  2. Wow, ich werde von Dozenten kommentiert;-)
    Zur Sache: Leider bin ich mir an einigen Stellen nicht ganz sicher, ob Sie das beschriebene grade gut finden oder eher weniger, doch egal:
    Das Problem mit dem Einstieg ins Berufsleben für Bachelor ist ja auch, dass viele Unternehmen solange sie können erst mal die „bewährten“ Diplomer nehmen. Dies könnte auch für die kommenden OJ-ler ein Problem sein, kommen sie doch gemeinsam mit uns „auf den Markt“.

    Zur „kontinuierlichen Präsenz/Leistung“: Die Frage ist natürlich, was ist Leistung? Ist es, schnell viel zu lernen oder (um es mal bewusst provokativ auszudrücken) viel zu verstehen? Aber auch hier gilt, man kann nicht alle über einen Kamm scheren. Man betont nicht umsonst immer wieder die verschiedenen Lerntypen, auch wenn ich davon bis heute nicht überzeugt bin.

    Zum Thema „Vollzeitjob“: Grade das sehe ich kritisch. Ich meine, natürlich sind einige Studentenleben so ziemlich das chilligste, was es gibt- aber nicht alle. Und ein Vergleich zu einer Ausbildung hapert schon daran, dass der Azubi Geld bekommt, der Student es investieren muss- und mit Studiengebühren noch umso mehr. Dieses Geld (das oft später durch höhere Bezahlung raus geholt wird), muss aber erst einmal vorgestreckt und damit verdient werden, oft neben dem Studium.

    Und zu guter Letzt, aber das ist meine persönliche Meinung, tut dieses Land gut daran, wenn es mehr Leute gibt, die nicht nur Aufstehen-Arbeiten-Gutenachtkuss geben- schlafen.

    Man kann nicht sagen, der Bachelor ist schlecht, es kommt auf die Durchführung an. Auch das Diplom ist nicht top. Daher stört mich die zugespitze Aussage „Bachelor abschaffen“ aus sehr, die die Ziele des Bildungsstreiks sehr angreifbar macht (siehe Schavan)

  3. Da es offenbar nicht richtig klar geworden ist: Alles in allem sehe ich – zumindest aus meiner fachlichen Perspektive – mehr Nach- als Vorteile. Mir würde ein vierjähriges Studium mit einem breiten Bildungsanspruch (nennen wir es Studium Generale oder SuK) und genügend Möglichkeiten, sich auszuprobieren, viel besser gefallen.

    Es würde zu viel Platz beanspruchen, ausführlich auf eine Menge weiterer problematischer Bereiche einzgehen (z.B. den heute noch viel schwereren Studienplatzwechsel)….

    Auch ich finde es verkehrt, ein Studium so vollzupacken, wie wir es müssen, wenn wir Studiengänge planen. In den Akkreditierungsverfahren werden teilweise wilde Forderungen aufgestellt, wobei der so genannte Workload ohnehin unverrückbar geregelt ist. Gerade im Medienumfeld ist aus meiner Sicht eine freie Mitarbeit (z.B. einen Tag pro Woche + vorlesungsfreie Zeit) eine wesentlich bessere Jobgarantie als 45 Std. die Woche nur dem Studium zu widmen.

    Mich stört in diesem Bologna-System auch diese ständige Kontrolle, die, wie Sie zu Recht sagen, unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten, aber auch allgemeine Bildungsziele aus meiner Sicht nicht ausreichend berücksichtigen.

    In einem Punkt bin ich tatsächlich ganz froh um den Bolognaprozess: Jeder Studiengang musste kritisch überprüft bzw. neu konzipiert werden. Ein solcher Innovationsdruck ist sicher kein Schaden. Allerdings hätte ich mir in vielen Aspekten andere Rahmenbedingungen dazu erhofft.

    Die Forderung “Bachelor abschaffen” ist heute sicher die falsche Zuspitzung. Ich würde mir statt dessen wünschen, mehr über Bildung und Lehrqualität zu streiten.

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