Bundestagswahl 2009: Wen kann man wählen? (Parteienvergleich)

koalitionNur noch drei Tage bis zur Bundestagswahl. Die Grünen sind ab sofort, angelehnt an den Song „Drei Tage wach“ dauerwach und ich präsentiere mein letztes Parteivergleich-Fazit vor der Wahl. Am Ende sind Links zu den wichtigsten Blogtexten aus dem zurückliegenden Wahlkampf angefügt.

unionCDU/CSU
Die CDU wollte keinen Wahlkampf um Inhalte und hat sich daran gehalten. Der CSU war das irgendwann sichtlich zu wenig, sie stellte noch ein eigenes Sofortprogramm vor, dass dann wieder runter geredet wurde. Gleichzeitig zeigte man sich lange ängstlich, die FDP könnte einer Ampel zustimmen. Ironischer Weise reden genau diese Leute bei schwarz-(blau-)gelb von einer „stabilen Regierung“. Sie eint das nein zum Mindestlohn und das ja zu Atomkraft. Beides Punkte, die nicht beliebt sind in der Gesellschaft, ebenso wie der Fortbestand der Wehrpflicht für den sich allein die Union einsetzt. Was angesichts der (noch schlechteren) Umfrageergebnisse der SPD oft vergessen wird: Die CDU/CSU ist selbst kurz davor, das schlechteste Bundestagswahlergebnis seit 1949 einzufahren. Trotzdem betrachtet die Union die anderen Parteien von oben herab, erst jüngst wirkte Ronald Pofalla recht überheblich bei “Hart aber fair”. Den Vorsprung „verwaltend“ zeigte Spitzenkandidatin Merkel wenig Bürgernähe, als sie TV-Duelle (mit der Opposition) und einen Auftritt bei der Show von StudiVZ und ZDF „Erst fragen, dann wählen“ verweigerte.

spdSPD
Steinmeier konnte in seinen Persönlichkeitswerten deutlich zulegen. Grade Unentschlossene lobten seinen Auftritt beim TV-Duell. Sympathisch wirkte er auch beim Auftritt in „Erst fragen, dann wählen“. Aber es geht nicht nur um Sympathie. Es fehlen in der SPD frische Gesichter und frische Gedanken. Auch die letzte Entschlossenheit vermissen einige. Inhaltlich ist man nah bei den Grünen und auch nah an der Bevölkerung. Doch was umgesetzt wird, ist die andere Frage, denn die SPD wird zunehmend zur Kompromisspartei. Man weiß nie genau, wo man bei der SPD dran ist. Hat sie einem eben noch überzeugt, schreckt sie einen wo anders wieder ab, um einen wieder wo anders erneut ins grübeln zu bringen. Viele schreckt Rot-Rot-Grün ab, aber eine nicht zu vernachlässigende Zahl wird auf der anderen Seite von der Absage an eben dieses Bündnis abgeschreckt. Sie wählen lieber Linke oder Grüne, die vehementer für ihre Inhalte kämpfen. Kurzum: Die SPD hat im Wahlkampf die richtigen Punkte angesprochen und war näher am Menschen als die CDU. Trotzdem ist sie noch nicht bei alter Stärke, was durch Koalitionstaktik weiter verschärft wird.

linksLinke
Die Linke bestand im Wahlkampf darauf, nicht nur als Koalitionspartner ausgeschlossen zu werden, sondern auch selber Koalitionen auszuschließen. Vorerst tritt sie weiter als Protestpartei auf, hofft aber auf rot-rot-grün noch innerhalb der kommenden Legislaturperiode. Dafür beginnt ein langsamer Annäherungskurs, zum Beispiel was die Afghanistan-Politik angeht. Trotzdem ist das Programm in vielen Punkten ein „wünsch dir was“. Es werden wichtige Probleme/Fragen angesprochen, durchführbare und längerfristige Antworten sind aber Mangelwahre. Zu Gute halten muss man der Partei mit dem höchsten Altersdurchschnitt der Mitglieder jedoch, dass sie bisher in keiner Regierungskoalition im Bund saß. Erfahrungsgemäß sehen Oppositions- und Regierungsprogramme was die Durchführbarkeit angeht, ganz anders aus.

fdpFDP
Nachdem Guido Westerwelle einmal mehr vehement alles ausgeschlossen hat, das nicht schwarz-gelb heißt, stellt sich die Frage, wann er der CDU beitritt. Normal sollte eine demokratische Partei zumindest mit den anderen Parteien verhandeln. Feststellen, dass zu wenige Gemeinsamkeiten existieren, kann sie dann gegebenenfalls immer noch. Doch die FDP ist fast nur noch Westerwelle, wie auch Spiegel Online feststellte. Unter ihm als Vorsitzenden ist die FDP zu einem Anhängsel der Union geworden. Gleichzeitig werfen die Liberalen CDU und CSU vor, zu viele Fehler gemacht zu haben. Das wirkt nicht nur paradox, das ist es auch. Die Forderungen, die die FDP allein mit der Union durchsetzen will, überzeugen ebenso wenig, das Kreuz bei den Liberalen zu machen: Atomenergie, weniger Steuern für Besserverdiener und eine Privatisierung des Gesundheitssystems stehen der Forderung nach mehr der Freiheitsrechten gegenüber, welche mit einem Innenminister Schäuble wohl nicht zu verwirklichen ist.

grueneGrüne
Die Grünen wirkten im Wahlkampf aufrichtig. Sie wollen mit allen Parteien reden, aber nur mit regieren, wenn ihre Akzente durchgesetzt werden. Diese Akzente sind unter anderen Datenschutz, Umweltschutz, Atomausstieg und ein Mindestlohn. Auch in Bildung soll mehr investiert werden. Die Grünen versprechen 1 Million Jobs, hauptsächlich in der Pflege und dem Bereich grüner Technologien. Damit ähneln sie den Forderungen des (später erschienen) Deutschlandplan der SPD. Der grüne Wahlkampf konzentrierte sich oft auf Protestaktionen z.B. gegen die Datensammelwut von Konzernen, oder symbolisches „mehr Grün“. Was der Partei fehlt ist ein Zugpferd wie Joschka Fischer. Jürgen Trittin und Renate Künast gaben zwar ihr bestes und konnten in Talkrunden unter Politikern überzeugen, wirken aber zeitweise etwas zu „politikerhaft“. In diesem Punkt können sie noch von Parteichef Cem Özdemir lernen, der positiv auffiel. Ohne Zugpferd und unkonventionell wirkende Politiker wirken die Grünen stellenweise wie jede andere Partei auch, werden gelegentlich sogar dem „bürgerlichem Lager“ zugerechnet. Dabei war es grade die Stärke der Grünen, unkonventioneller, basisdemokratischer und lockerer zu sein. Dies ist zwar noch da, müsste aber wieder stärker gezeigt werden.

piratenPiraten
Die Piratenpartei hat in den letzten Wochen Federn gelassen. Viele Unterstützer sind zu den Grünen umgeschwenkt, da sie schwarz-gelb verhindern wollen und glauben, dass die Piratenpartei mit 1-2 Prozent der Stimmen nicht viel erreichen könne. Damit liegen sie nicht ganz falsch: Die Parteien sind zunehmend mit sich selbst beschäftigt. Andererseits haben einige eh Themen der Piraten aufgegriffen. Am stärksten fällt dies bei besagten Grünen auf. Volker Beck hat auf seinem Blog die Standpunkte von Piraten und Grünen zu den Kernthemen der Piratenpartei verglichen (zu finden hier). Es fällt auf: Die Übereinstimmungen sind groß. Negativ bei den Piraten fiel kurz vor Ende des Wahlkampfes die Medienkompetenz auf. Zwei Interviews gab man der rechten Zeitschrift „Junge Freiheit“ und rechtfertigte diese im Anschluss noch recht naiv. Die Interviews ließen Diskussionen darüber aufkommen, wie links oder rechts die Partei ist- ohne dass dabei ein zufriedenstellendes Ergebnis an den Tag trat. Dafür aber der Verdacht, das rechte Gruppen zunehmend versuchen, die Piraten zu instrumentalisieren. Auch mit der schnellen Aufnahme von Jörg Tauss tat man sich keinen Gefallen: Die Hinweise auf Verstrickungen in die Kinderpornografie verdichten sich bei ihm. Wohin der Weg der Piratenpartei führt, bleibt also weiter ungeklärt. Derzeit wirkt sie eher wie eine außerparteiliche Bewegung, als wie eine Partei. Dann bräuchte sie freilich nicht jede Stimme.

Weitere Blog-Texte zum Wahlkampf:

9 Gedanken zu “Bundestagswahl 2009: Wen kann man wählen? (Parteienvergleich)

  1. Sehr schöner Artikel, doch leider nicht immer ganz sauber recherchiert.
    1. Die Linke punktet vor allem damit, dass sie die noch einzige verbleibende Partei im Bundestag ist, die sich ausdrücklich gegen Auslandseinsätze im allgemeinen äußert. Nun gut, mit ihrer Forderung nach einem Nato-Austritt, liegen sie aber leider völlig daneben.

    2. Die Grünen wollen eben nicht mit allen reden, sondern haben mehrfach und eindeutig Jamaika ausgeschlossen.

    3. Die Grünen mögen in diesem Wahlkampf aufrichtig wirken, haben aber in der Vergangenheit sich mehrfach gegen ihre pazifistischen Prinzipien ausgesprochen.

    4. Die Piraten sind keineswegs im Abwärtstrend, sondern liegen laut aktuellen Umfragen bei starken 3.5%. Dabei ist es gleich, ob andere Parteien sich inhaltlich mit dem Programm der Piraten schmücken oder nicht, denn sie haben alles andere als Kompetenz auf diesem Gebiet bewiesen.

    Gruß

    AMUNO

  2. Pingback: Warum das 3-Tage-wach-Team für mich eine SMS an ihren Parteivorsitzenden sendete « Andreas Grieß // Blog

  3. Pingback: Was soll man wählen? 5 Wahl-Tipps für Unentschlossene | tagSeoBlog

  4. Ich würde dir an dieser Stelle widersprechen. Dass die SPD stärkste Kraft wird, ist eigentlich auszuschließen. Ob sie nun in einer großen Koalition jedoch mit 33 zu 28 oder mit 33 zu 26 Prozent mitregiert, wird thematisch keine wirklichen Unterschiede setzen.
    Ob jedoch die Grünen 1 Prozent vor FDP und Linker sind oder dahinter macht sehr wohl einen Unterschied. Auch in der Opposition!

  5. ich finde den Artikel sehr gut, und anscheinend fällt es auch dir nicht leicht, eine Partei zu wählen, wobei du ja Tendenzen zu den Grünen hast
    die Grünen allerdings haben wenige Konzepte zur Reform der Sozialsysteme und diese laufen meistens darauf hinaus, einfach von den Besserverdienenden noch mehr abzukassieren und in die maroden Systeme zu zwängen (es ist ja nicht so, als ob diese nicht bereits stark belastet sind im internationalen Vergleich)

    die Grünen wollen auch nicht mit allen Parteien reden, sie können sich keine Jamaica- und keine Koalition mit der Linken vorstellen.

    Trittin und Künast sind beide ziemlich sozialistisch eingestellt und agieren vor allem mit vielen Verboten.

    Ich möchte gerne abschließend auf Artikel auf meinem eigenen Blog unter http://www.predatoryfish.wordpress.com hinweisen.

  6. @#8
    Ja, leicht fällt es nicht, das finde ich aber eher ein gutes Zeichen, weil es bedeutet, dass es Auswahl gibt. Ja, die Grünen haben nicht jedes Thema durchdekliniert, aber immerhin bemühen sie sich, das kann man im vergleich von den Piraten ja z.B. nicht behaupten. Und für nur ein Thema ist mir meine Stimme zu teuer ;)
    Zu Künast und Trittin hab ich ja schon was geschrieben. Aber es ist auch noch so die 2. grüne Generation. Die dritte sitzt in den Startlöchern.

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