Der einzige Gewinner

18. Oktober 2009

Eigentlich wollte ich außer meinem kurzen Einwand „Nur kurz zum Herrn Sarrazin“ nichts zur Debatte um sein Interview schreiben. Nun sollte ich jedoch in einen Kurs an der Uni einen Kommentar zur Thematik schreiben und dieser ist mir zu schade, um ihn nur im Kurs zu haben, daher hier der Text:

Verfolgt man die Debatte um Thilo Sarrazin fällt auf, dass es eigentlich nur einen Gewinner gibt. Und das liegt weniger am Gewinner selbst, als daran, dass alle anderen sich zu Verlieren machen oder dazu gemacht werden.

So ist Sarrazin selbst ganz sicher kein Gewinner. Er, der für provokante Äußerungen bekannt ist, hat spätestens dieses Mal übertrieben. Denn wer den Großteil unserer türkisch- und arabisch-stämmigen Mitbewohner jegliche Produktivität abspricht, sie indirekt eines niedrigen IQs bezichtigt und von der Produktion von „Kopftuchmädchen“ spricht, der provoziert nicht nur, der beleidigt auch- und das auf rassistische Art und Weise.

Wenn in Umfragen viele Deutsche dem Bundesbank-Vorstandsmitglied in seinen Aussagen recht geben, zeigt sich, dass auch die Zivilgesellschaft nicht als Gewinner taugt. Vielmehr offenbart sich, wie tief Fremdenhass noch immer verwurzelt ist und wie gerne man sich hinter jemanden versammelt, der diesem Nährstoff bietet.

Auch die Meinungsfreiheit ist kein Gewinner. Sie wird nämlich -je nach Standpunkt- beschnitten oder als Vorwand für die Legitimität von Beleidigungen genutzt. Letzteres trifft die Sache vermutlich eher, doch so oder so ist eines unserer höchsten Güter wieder einmal beschmutzt.

Die Bundesbank kann sich erst recht nicht als Gewinner sehen. Zum einen steht sie in der Kritik, das Interview genehmig zu haben und einen Hetzer zu beschäftigen, den sie nicht einmal entlassen kann. Zum anderen verliert sie zumindest anteilig einen fähigen Finanzmanager, musste sie doch unter dem öffentlichen Druck Sarrazin einige Kompetenzen entziehen.

Manch einer mag gehofft haben, die Migranten könnten -obwohl beleidigt- Gewinner der Debatte werden, zum Beispiel durch eine verbesserte Integrationspolitik. All denen, die das noch immer hoffen, sei einmal geraten sich die Berichterstattung und besonders die Kommentare zum Thema anzusehen. Denn die Debatte dreht sich nun schon seit Wochen um die Person Sarrazin selbst, um Meinungsfreiheit und in Ansätzen um die anscheinende Zustimmung der Bevölkerung zu seinen Aussagen. Wirkliche inhaltliche Debatten über Integration sind in der Regel Fehlanzeige und wenn nicht, so bleiben sie auf denkbar oberflächlichstem Niveau.

Ein Blick auf ähnliche Vorkommnisse in der Vergangenheit zeigt uns den Ablauf, denn wohl auch die „Sarrazin-Debatte“ nehmen wird: Die Einen geben Recht, die Anderen sind zumindest froh, dass ein wichtiges Thema auf die Agenda gebracht wurde. Nach mehreren Wochen und unzähligen tief strittigen, hoch emotionalen Debatten wird das Thema ins Archiv verlegt. Verbesserungen im Bereich der Integration bleiben aus, werden gar nicht erst angeregt. Vielmehr regte man sich, geschützt hinter einem Buhmann, für einige Zeit über „böse integrationsunwillige Ausländer“ auf.

Alles Verlierer also. Wer bleibt dann überhaupt als Gewinner über? Lediglich die Zeitschrift „Lettre International“. Dass im Interview Skandalantworten kamen, kann dem Blatt keiner ankreiden. Der ganze Aufschrei hat jedoch dazu geführt, dass das Magazin nun fast jedem ein Begriff ist. Und seien wir ehrlich: Wer kannte „Lettre International“ vorher? Kaum einer.


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