Unruhe bitte!

2. November 2009

Dieser Text lag mir schon lange in den Fingern, heute kommt sein Tag. Ich plädiere offiziell mehr Unruhe in deutschen Schulen, Hochschulen und überhaupt! Die Deutschen sind einfach zu ruhig, bzw. werden zu ruhig gemacht. Und damit meine ich diesmal nicht, dass sie nur selten Probleme offen aussprechen, protestieren oder diskutieren. Ich meine schlicht die „deutsche Arbeitsatmosphäre“.

Die wird schon in der Schule indoktriniert: Ruhe beim Arbeiten, Ruhe fördere die Konzentration. Andererseits: Viele Autofahrer werden mir sicher zustimmen, wenn ich sage, ohne Radio würde die Konzentration bzw. Aufmerksamkeit bei langen Fahrten schneller dahinschwinden. Aber ich will gar nicht so sehr darüber diskutieren, ob Ruhe nun zuträglich ist oder nicht, Fakt ist, sie ist sehr eindimensional.

Sätze wie „könnt ihr mal ruhig sein, hier wollen welche arbeiten?!“ oder „Ruhe, das stört!“, sind sicherlich jedem Mal in seiner Schul- oder Hochschullaufbahn begegnet. Aber: Ruhe ist kein Naturzustand. Schauen wir uns doch die Welt an, in der wir leben: Ist das etwa eine ruhige Welt?

Ruhe, ich kann mich nicht konzentrieren!“, ist ein weiterer Satz der in die obige Reihe passt (den ich im Übrigen erst heute wieder gehört habe). Dieser Satz bringt das Problem auf den Punkt: Die Leute sind aus Schule und Uni nichts anderes  als Stille gewohnt. Doch in meinen Augen sollten sie es. Ich finde, im Rahmen von ganzheitlicher Ausbildung müssen „Stresssituationen“ explizit gelehrt werden. Klausuren mit Musik oder Gartenlärm. Gruppendiskussionen mit lautem Hintergrundgequatsche und und und…

Das sage ich nicht nur, weil ich selber ein Mensch bin, der ungern vollkommene Stille hat, sondern weil wir alle auch bei Lärm arbeiten können sollten. Das heißt nicht, dass wir diesen Zustand bevorzugen sollen, aber dass wir wissen sollten, damit umzugehen. Als meine Deutsch-Abiturklausur geschrieben wurde, entschloss sich ein Gärtner vor dem Raum den Rasen zu schneiden. Nicht wenige sind mit dieser Situation kaum zurecht gekommen. Doch so etwas wird ihnen im Berufsleben sicher noch häufiger passieren. Was sollen sie dann machen, lärmfrei? Oder einige meiner Studienkollegen, die nur bei Ruhe meinen, lesen und schreiben zu können: Was machen sie, wenn sie Liveticker bei einem Bundesligaspiel im Stadion schreiben sollen?

In diesem Sinne: Pump up the volume! Auch Unruhe sollte mal erlaubt, nein gelegentlich sogar erwünscht sein!

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9 Comments Add your own

  • 1. JUICEDaniel  |  2. November 2009 at 23:58

    Nett.. vor allem das hier ist nicht schlecht: „sondern weil wir alle auch bei Lärm arbeiten können sollten“. Übungen dazu können tatsächlich nicht schaden, die dem Umgang mit Lärm erleichtern.

    Aber: Nur weil jemand irgendwann mal leiden wird, muss er doch noch lange nicht vorher schon (freiwillig) leiden bzw. das Leiden vorher üben/trainieren, oder? ;)

  • 2. Andreas  |  3. November 2009 at 00:05

    Ich leider bei jedem 400er… was denkst du, was ich beim Training auch häufiger mal tu…

  • 3. JUICEDaniel  |  3. November 2009 at 00:24

    Ich meine ja nicht das Üben/Trainieren an sich; und auch nicht den 400er üben. Sondern „Leiden“ üben. Z.B. das Studieren üben. Oder das Üben vor der/für die Fahrstunde (was ja viele machen/gemacht haben). Das finde ich muss nicht unbedingt sein bzw. könnte ruhig vermieden werden. So lange wir noch die Möglichkeit dazu haben, in Ruhe zu lernen: genießen.

    (Wenn es z.B. in 10 Jahren kein Eis mehr gäbe, würde ich heute trotzdem noch eins mit Genuss essen ;) )

  • 4. Andreas  |  3. November 2009 at 00:31

    Ich glaub, der Vergleich hinkt ;)
    Und wie gesagt, gegen Ruhe (Eis) spricht ja nichts- aber man sollte halt auch ohne können…

  • 5. Tobi  |  3. November 2009 at 08:19

    Also ich bin da nicht deiner Meinung. Ich kann bei Ruhe wesentlich besser lernen! Ich lern immer ein paar Stunden und mach dann ne kleine Pause. Das klappt recht gut.

    Der Lärm, also irrelevante Informationen werden irgendwann vom Körper ignoriert. Deshalb bleiben nur relevante Signale erhalten. Das nennt man Habituation.
    Der Körper sorgt also selbst für Stille!

    Gruß
    Tobi

  • 6. Thomas  |  3. November 2009 at 18:24

    Es geht doch nicht darum, dass es absolut still im Hör!saal ist, sondern darum, dass jeder verstehen kann was vorne abläuft. Unterhaltungen während der Vorlesung – ob zum Realitäts-Training oder nur aus Langeweile – sind respektlos dem Dozenten und den Kommilitonen gegenüber. Du zeigst damit, dass du dich nicht für seienn Stoff interessierst und dass du findest dass das auch keiner deiner Kommilitonen tun sollte.

    Viele Vorlesungen währen übrigens besser, wenn statt der vielen Kleinstgruppengespräche und Herr-Lehrer-Ich-weiß-was-Meldungen mal Diskussionen in Gang kämen.

    der Unterschied zwischen natürlicher Geräuschkulisse und Tischgesprächen ist, dass man erstere ignorieren kann, während man sich auf die Gespräche konzentriert.

  • 7. Andreas  |  3. November 2009 at 18:33

    Thomas, du missverstehst mich. Ich meine nicht den regulären Vorlesungsbetrieb, da stimme ich dir zu. Es geht um so „Stillarbeiten“ und so

  • 8. Thomas  |  3. November 2009 at 22:35

    ahhhh ok. Da gebe ich dir ein großes Stück Recht zurück. (-: Bis morgen… in aller Ruhe – nur Vorlesungen.

  • 9. Meike  |  6. November 2009 at 17:26

    Ich widerspreche dir da ebenfalls, lieber Andreas! Vor allem, was diese Aussage angeht: „Die wird schon in der Schule indoktriniert: Ruhe beim Arbeiten, Ruhe fördere die Konzentration“.

    In der Tat ist es so, dass in der Schule VERSUCHT wird, den Kindern Ruhe und Stillarbeit beizubringen, aber es GELINGT immer weniger. Warum? Weil viele Kinder heutzutage durch die ständige Verfügbarkeit von Medien, also Musik, Filme, Clips, Handyklingeltöne, Videospiele und so weiter und so fort so sehr daran gewöhnt sind, dass ständig eine ungalubliche Geräuschkulisse um sie herum herrscht, dass sie die Fähigkeit, aus der Stille zu profitieren und in der Stille produktiv zu sein, gar nicht mehr aufnehmen können.
    Ich finde, gerade deshalb muss in der (Grund-)Schule (und übrigens auch im Elternhaus!) Ruhe und Stille vermittelt werden, sozusagen als Kontrast zu dem ständig lauten, überdrehten Alltag der Kids von heute.

    Wenn du mir da nicht glaubst, dann empfehle ich dir mal, als Hausaufgabenhilfe eine Klasse von Grundschulkindern zu unterrichten, ich habe das getan und weiß also zumindest halbwegs, wovon ich spreche. Da weiß man die Stille erst wieder zu schätzen (übrigens auch, wenn man in einem Großraumbüro arbeiten muss.)

    Ich wünsche mir da eher eine andere Art von Unruhe, nämlich eine geistige, wenn du willst politische: Weniger das schlucken, was man vorgesetzt bekommt, mehr kritisch hinterfragen. Aber diese Tendenz sehe ich bedauerlicher Weise bei den wenigsten :-)

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