Eben stieß ich auf den bild.de-Artikel „Immer mehr Hass-Attacken auf den Staat“ in dem es vorrangig um linke Gewaltdelikte geht. Vor einiger Zeit waren mir bereits Bild-Artikel aufgefallen, die meines Erachtens nach überzogen vor einer „drohenden Rückkehr des RAF-Terrors“ berichteten. Daher schaute ich mir den Artikel genauer an. Panikmache? Einseitige Betrachtung?
Aufhänger des Artikels ist der Verfassungsschutzbericht 2009. Der ist 326 (PDF-)Seiten lang. Da er laut Bild heute veröffentlicht wurde, kann ich es gut nachvollziehen, wenn man ihn (noch) nicht vollständig gelesen hat. Den Verdacht, dass man sich gezielt einige „Perlen“ herausgesucht hat, unterstützt dieser Umstand aber.
Das Teaserbild auf der Startseite gibt direkt die Richtung vor: „Linke Chaoten immer brutaler! Neue Anschlagswellen drohen!“, steht darauf. Die Wortwahl (Chaoten) zieht sich durch den Artikel. Zwar kommt „Chaoten“ einmal in einem Zitat vor, trotzdem muss man den schimpfenden Ton nicht selbst übernehmen. Und was ist mit den neuen Anschlagswellen?
Die zieht bild.de aus einer Aussage des Polizeigewerkschafts-Chef Reiner Wendt in die Teaser. Er sagt „Es droht eine Renaissance des linken Terrorismus […] mit dem Potential für neue und tödliche Anschlagswellen.“ Diese Aussage wird prominent an den Anfang gestellt, nicht aber folgender, relativierender Teil:
Trotz der zunehmenden Gewaltbereitschaft von linken Chaoten sieht der Verfassungsschutz aber weiterhin keine terroristischen Strukturen nach dem Muster der ehemaligen linken „Rote Armee Fraktion“ (RAF).
So wird Angst geschürt. Dazu kommen noch die „passenden“ Zahlen, die einem wie wild an den Kopf geworfen werden: Der Anstieg der Gewalttaten von Linksextremen, die Zahl der absoluten Straf- und Gewalttaten der linken Szene. Dann die absoluten Zahlen der linksextremistischen Szene.
Die absoluten Zahlen der linksextremen Straf- und Gewalttaten werden danach noch einmal in Relation zum Vorjahr (2008) gesetzt. Hier wird zum zweiten Mal das Anwachsen der Gewalttaten in Prozent ausgedrückt, diesmal jedoch mit 59,1 % statt mit „rund 60 %“. Es wirkt wie eine weitere Zahl, die gestiegen ist. Hinzu kommen die geschätzte Zahl der Personen in der linksextremistischen und die der autonomen Szene.
Beim ersten Lesen wirkt die Aneinanderreihung der Zahlen beängstigend. Genauer erklärt werden sie nicht. Wo zum Beispiel verläuft die genaue Abgrenzung zwischen linksextremistischen und linken Straftaten? Natürlich sind die Zahlen tatsächlich beunruhigend, aber informierend sind sie von der Bild nicht aufbereitet, sondern angstschürend. Und zudem besonders konzentriert auf die linke Szene.
Der Artikel erwähnt zwar auch, dass der Verfassungsschutzbericht auch z.B. islamistische Gewalttaten betrachtet. Zahlen dazu bleibt Bild dem Leser jedoch schuldig. Auf die rechten Straftaten geht der Text erst in den letzten beiden Absätzen ein. Hängen bleibt hiervon nur, dass die Zahlen hier zurückgegangen sind. Unter dem Eindruck der vielen Zahlen hat man darüber hinaus jedoch bereits den Überblick verloren, wenn man überhaupt bis zum Ende gelesen hat.
Interessant im letzten Absatz ist zudem ein Detail, das ich nicht genau einzuordnen vermag: Die „rechte“ Straftaten steht dort. Bei den linken gibt es keine Anführungszeichen. Ob es etwas aussagen soll, weiß ich nicht.
Hoffen wir, dass die Gewalt- und Straftaten – egal wie sie motiviert sind – abnehmen. Und dass die journalistische Berichterstattung darüber besser wird. Wie es besser geht, zeigt heute vor allem Spiegel-Online.

Naja es werden wohl “rechte” Straftaten sein und keine rechten Straftaten, weil die Ermittlungsbehörden sich noch immer stellenweise heraus suchen was für sie rechte Gewalt ist und was nicht. Wenn während einer WM in einer Mittelstadt links gerichtete Jugendliche beim warten auf den Bus von Neonazis zusammengeschlagen werden, dann ist das eine Schlägerei unter betrunkenen Fans und kein rechter Übergriff.
Es ist da leider wie mit den Arbeitslosenzahlen: Es wird geschönt wo es geht und so fallen viele Straftaten aus dem politischen Kontext hinaus weil sie absichtlich oder versehentlich falsch eingestuft werden. So können die Medien dan “passende” Zahlen abdrucken und Bild sich darüber ereifern das die linken Chaoten mehr drauf hauen als ihre “rechten” Volksdeutschen auf der anderen Seite.
Übrigens: Vor kurzem berichtete Bild auch über die selbe Mittelstadt im Rahmen eines PKW-Brandes. Chaoten hatten einen PKW angezündet und effektvoll lief brennendes Benzin die Straße hinunter. Das statt linker Chaoten ein technischer Defekt Ursache sein konnte… Viel zu einfach, wenn in Hamburg und Berlin Autos in Schein und Rauch aufgehen waren das doch auch immer die Chaoten…
Da find ich viel beunruhigender, dass das heute-journal ähnlich vorging. Statt absolute Zahlen zu nennen, um rechte mit linken Gewalttaten vergleichbar zu machen, wurde nur der prozentuale Anstieg der linken sowie der Rückgang der rechten Gewalt genannt. So konnte der Eindruck entstehen, dass von rechts keine Gefahr mehr droht und Deutschland vom schwarzen Block überrannt wird.
Erwähnenswert wäre noch, dass es keine klare Definition von linken Straftaten gibt. So werden angezündete Autos oder geflogene Steine als linksextreme Straftat geführt, obwohl es dafür keine Belege gibt und es genausogut von unpolitischen (oder zumindest nicht linken) Menschen begangen worden sein könnte.
Klären Sie uns Nicht-BILD- (und Nicht-Verfassungsschutzbericht-) Leser vielleicht Ihrerseits noch darüber auf, wie es zahlen- oder verhältnismäßig denn nun um die islamistischen und rechten Straftaten bestellt ist?
Das wäre hilfreich, auch angesichts der Tatsache, dass Sie durch das Hypen bei BILDblog sicher vorübergehend eine größere Leserschaft haben werden.
@ #2 felixander: Das habe ich Gestern – Fußballbedingt – gar nicht mitbekommen. In der Tagesschau (aber nicht die um 8, die hatte ich glaube ich nicht gesehen) wurde fast ausschließlich mit den absoluten Zahlen, inklusive Grafik operiert.
@ #3 Dingsda: Wie Chroffer schon beschrieb, es gibt allgemein kaum einen Maßstab rechte, linke und dann auch noch seperat rechtsextreme und linksextreme Straftaten genau von nicht politischen zu Unterscheiden. Ich nehme mal an, dass das BKA und der BVS das nach besten Gewissen machen und die Tendenzen stimmen, aber es wird Dunkelziffern geben
@#4 Püppinette:
Die rechten Strafttaten liegen in der absoluten Summe deutlich über den linken, in der Tendenz sind sie offenbar gesunken. Bei den rechten Straftaten sind aber die meisten Delikte sowas wie “Hakenkreuz- Schmierereien”.
Was den Islamismus angeht: Hier gibt es in Deutschland direkt nicht so viele Straftaten. Der Bericht befasst sich aber nach meinem Kenntnisstand gerade damit, wie Terroristische Gruppen in Deutschland agieren, bzw. Sympathisanten suchen. Empfehlenswert als Überblick ist meines Erachtens nach der von mir verlinkte SpOn-Beitrag. Für mehr empfehle ich dann doch einen Blick in den Bericht zu werfen, wenn es einem wirklich interessiert
rechte gewalt ist häufiger gegen menschen gerichtet, während sich linke gewalt eher als sachbeschädigung o.ä- äußert. auch kleinere straftaten -wie eben z.b. eine geringfügige sachbeschädigung – wird in die statistik aufgenommen. daraus folgt ein ungleichgewicht: es scheint mehr linke straftaten zu geben.man muss aber die genaue aufschlüsselung der straftaten betrachten.
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Solange die Behörden jedes Hakenkreuz zu rechte Propaganda und jeder Gewaltakt mit Glanzkopfhintergrund zu schweren Landfriedensbruch zählen steigt nat. die Zahl rechter Aktivitäten.
Ähnliches wiederfährt wohl nun auch dem linken Spektrum.
Wie sagt mal ein berüchtigter Philosoph: “Auf Statistiken ist geschissen.”.
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