Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat seinen Ausrüster-Vertrag mit Nike verlängert. Ob das so gut ist, möchte ich in Frage stellen. Der Verband erzielt zwar scheinbar gute Einnahmen durch den Vertrag. Vereine, in denen die Grundlagen für die Leichtathletik von morgen – aber auch von heute – gelegt werden, gucken jedoch in die Röhre und haben kein Mitspracherecht.
Der DLV will charakterstarke Athleten. Deren Seele hat er jedoch an Nike verkauft. Diesen Eindruck habe ich am vergangenen Wochenende in Braunschweig bekommen, wo ich als Teilnehmer und Zuschauer bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften war. Dass ein Ausrüster/Sponsor Stände aufbaut und Werbung macht, ist vollkommen legitim. Auch mit dem „dieser Wettbewerb wird präsentiert von…“ hat man sich zähneknirschend abgefunden. Aber irgendwo muss eine Grenze sein. Und die ist für mich da, wo ein Sportwettkampf zur Werbeveranstaltung degradiert wird.
Werbung statt Athleten-Präsentation
Gemeint ist folgendes: Es laufen mehrere Wettbewerbe. Diese werden im Wechsel von den Stadionsprechern kommentiert. Und dann gibt man zu XY, der mir zum x-ten Mal was über die ach so tollen NikeID-Schuhe erzählt. Der Sponsor wird regelmäßig zum Programmpunkt, nicht aber die Namen derer, die eigentlich im Mittelpunkt stehen sollten: Die der Sportler.
Im meinem Vorlauf wurde ich erneut nicht vorgestellt. Nur der Favorit aus dem Rennen wurde genannt. Dies machten die Moderatoren bei allen Vorläufen so, manchmal nannten sie zwei Aktive, mehr soweit ich weiß nie. Das ärgert nicht nur mich (zumal ich da als Geburtstagskind am Start stand). Für viele (auch mich) ist allein die Teilnahme bei den Deutschen schon viel wert. Es ist das, wofür wir das ganze Jahr über trainieren.
Wenn bei den Läufen (in den technischen Disziplinen werden komischer Weise noch(?) alle vorgestellt) nicht einmal acht Namen kurz genannt werden können, ist das äußerst demotivierend. Die Zeit ist da, wir standen lange am Start. Und wenn man im Anschluss ernüchtert auf der Tribüne zusehen muss, wie die Moderatoren „lieber“ zum unzähligsten Mal dem Sponsor schmeicheln, baut sich Ärger auf.
Die Vereine werden weggesponsert
Ärger im Übrigen nicht nur bei den Athleten, sondern auch bei den Vereins-Verantwortlichen. Kleine Vereine haben zum Teil nur 1-2 Athleten, die es zu Deutschen schaffen. (Diese) Vereine wollen dort erwähnt werden. Der Auftritt bei den Deutschen ist für sie die beste Werbung.
Hier können sie für Unterstützer (z.B. Trikotsponsor) interessant werden, hier können sie ihren Name ins Gedächtnis von Leuten einbrennen, die einen (neuen) Verein suchen. Aber wer denkt sich schon „Die könnte ich unterstützen“ oder „Oh, der Verein ist ja ganz bei uns in der Nähe“, wenn ich keine Ahnung habe, wer von wo da unten überhaupt läuft?
Der Sponsor-Vertrag mit Nike berührt die Vereine übrigens auch an anderer Stelle. Nämlich, wenn sie „kleinere“ Deutsche Meisterschaften austragen, wie etwa Schüler-Mehrkampfmeisterschaften oder Seniorenmeisterschaften.
Einnahmen-Einbußen für Vereine
Früher gab es auf diesen Veranstaltungen eigene T-Shirts, die der ausrichtende Verein verkaufte. Hat man eine lokale Firma, die die T-Shirts billig oder gar als Sponsoring umsonst bedruckt, sind schnell recht gute Einnahmen erzielt. Das geht mittlerweile nicht mehr. Es gibt ein offizielles Nike-Meisterschafts-T-Shirt für alle deutschen Meisterschaften und die Einnahmen gehen nicht an den Verein. Zumindest ist das mein Kenntnisstand aus dem Vorjahr.
Was für den Ausrichter bleibt, ist der Verkauf von Verpflegung. Das ist nicht viel. Dafür gibt es aber die Verpflichtung, Nike-Werbung aufzuhängen. Alle Wettkampf-Mitarbeiter müssen Nike-Sachen tragen, die nur zum Teil gestellt werden. Den Aufwand, solche Meisterschaften auszurichten, entlohnt man damit kaum. Dies ist ärgerlich, denn viele Vereine mit zum Teil hoffnungsvollen Nachwuchsathleten haben erhebliche finanzielle Probleme.
Uniforme Individualsportler
Doch machen wir uns nichts vor: Nicht nur von oben herab wird der Sport zu einer Ware gemacht und Geld von unten nach oben verteilt. Eine Reihe von Athleten hat eigene Sponsoring-Verträge abgeschlossen, vor allem mit Nike. Im Ergebnis dürfen diese nur noch die von Nike gesponserten Sachen tragen und treten außer bei Meisterschaften nicht mehr in Vereinssachen an.
Das Ergebnis schließt an die bereits weiter oben genannte Problematik an. Doch wirklich verhindern kann es kaum ein Verein. Durch dieses Sponsoring wirkt es zudem bisweilen sehr eintönig. Denn auf Meetings läuft dann durchaus auch mal ein ganzer Lauf im gleichen Trikot…
Wir sind halt eine Individual-, Vereins- und Amateursportart. Aber scheinbar nur im Training.
Fotos: Die bezeichnender Weise kopflosen Figuren habe ich selbst aufgenommen. Sie waren Teil einer großen Nike-Werbung in Beijing 2008.
“Mit einem deutschen Sponsor wäre das nicht passiert”, ist etwas zu leicht gesagt. Jedoch glaube ich, dass z.B. die Weltmarke mit den drei Streifen etwas mehr Taktgefühl beweist, wenn es um solche Dinge geht. Nike orientiert sich da zu sehr an den Staaten, wo ja alles gesponsort ist und Jedes und Jeder als Werbeplattform benutzt wird.
Das ist der Grund, warum ich vor ein zwei Jahren, als beim DFB die Situation im Raum stand, dass ein atemberauebndes Angebot von Nike im Raum stand, gehofft habe, dass Tradition und Erfahrung bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt wird.
Nun ist Adidas ja nun auch nicht mehr wirklich deutsch, wird dem entgegen gehalten.
Ich weiß nicht ob andere besser/schlechter sind. Dafür müsste man sich genauer anschauen, was auch Nike selbst mit anderen Ländern (Russland, USA, China) für Verträge in der LA hat. Vielleicht liegt die Schuld auch beim verband, der zuviel “verkauft”. Fakt ist, als früher Adidas Sponsor beim DLV war, war die Sache nicht so schlimm, aber es war auch eine andere Zeit. Man weiß es nicht.
In den Landesverbänden ist das Sponsering, egal ob Adidas oder Nike, im Vergleich sehr zurückhaltend.
zitat: “Wir sind halt eine Individual-, Vereins- und Amateursportart. Aber scheinbar nur im Training.”
individualsportart ja, aber dieses amateurgemeiere ist genau das was die LA in D. bremst, da müssen wir den amateursport als basis sehen auf die der profisport aufbaut, anders sind topleistungen nicht zu erzielen
dieses vereinstheater ist auch ein punkt in der LA der mir nicht gefällt, denn wir sind individualisten, da sollte eine vereinsmitgliedschaft nicht im vordergrund stehen
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Verträge mit Großsponsoren sind immer “Knebelverträge”, und jeder Vertragspartner versucht f ü r s i c h (!) das Beste raußzuholen.
Ob der Gewinn für unseren DLV beim NIKE-Vertrag wirklich für das Wohlergehen des gesamten Verbandes sehr gut ist oder nur eine bestandene finanzielle Kalamität kurzzeitig überwindet,wird sich zeigen.
Ohne Zweifel ist das Hintenanstellen der Interessen der beteiligten Vereine (Trikotwerbung u.ä.) und des Ausrichters bedauerlich und nicht zu bagatellisieren. Bei allen Deutschen Meisterschaften und auch bei WM und EM der Senioren (!) sollte man es den Athleten erlauben, im Heimatvereins-Trikot mit indiv. Sponsorenwerbung zu starten und bei Siegerehrungen dieses stolz zu zeigen – denn die Kommune und der Verein (mit dem Kleinsponsor) unterstützen die Amateursportler, nicht der Verband als solcher !
Ich bin deshalb aus genannten Gründen für die Beseitigung einer Pflicht zum Tragen des offiz. “Nationaltrikots” bei Veranstaltungen, die nicht zu den Repräsentationsveranstaltungen unser Nationalmannschaften gehören, also nur für die proffessionellen Hochleistungssportler.
Hellmuth Klimmer
Lieber Hellmut,
Deinen Ausführungen kann ich nur zustimmen.Ich finde es eine Frechheit des DLV, dass er bei internationalen Seniorenmeisterschaften von den Aktiven verlangt, die Kleidung des DLV-Sponsors zu kaufen und in dieser Kleidung an den Start zu gehen. Anderenfalls droht eine Disqualifikation. Der Seniorenathlet bezahlt alle Kosten selbst, der DLV nimmt noch einen Organisationsbetrag ein und das ist es.Der DLV begründet seine Forderung mit der Wettkampfordnung für
Nationalmanschaften. Die deutsche Seniorenmannschaft bei internationalen Wettkämpfen (WM, EM) wird weder vom DLV zusammengestellt, noch gibt es Leistungsnormen.Also ist sie keine Nationalmannschaft lt.Definition.
Mit der Athletenvorstellung muss ich dir voll und ganz Recht geben. Das steht nur noch der Sponsor im Mittelpunkt. Aber das Problem ist, dass es überall so ist. So wurden beim 1500m Finale bei der U20 -Wm in Canada nur die 3 schnellsten Athleten vorgestellt. Das war echt schade. Ich hab mich jedenfalls schon dran gewohnt.
MIt der Kleidung ist schon ein Problem, besonders im Seniorenbereich. Um die Kleidung umsonst zu bekommen muss man als Senior extrem gut sein und offiziell in die Nationalmannschaft aufgenommen werden. Auf die paar Kröten käme es doch auch nicht an. Aber das geht mit allen Sportartikelherstellern so. Problem bei Nike finde ich, dass die Athleten weniger Klamotten bekommen, als die Länder die zum Beispiel von Adidas gesponsert werden.
Schade ist ebenfalls das mit den t-shirts. Ich hab mir bisher noch kein dt. Meisterschafts-T-shirt gekauft und werde es in Zukunft auch nicht tun, weil da nicht mal der Ort und die Veranstaltung draufsteht.
Dem DLV würde ich da aber in großem und ganzen keine Schuld geben. Das Problem ist, dass alle Verbände aus aller Welt Spielbälle der großen Sportartikelhersteller sind.
Das iat halt immer die Frage nach dem Huhn und dem Ei… Nur wenn die Verbände es mit sich machen lassen, gibt es die Verträge. Fängt man einmal an, ist es schwer raus zu kommen. Manchmal muss man auch nein sagen können. Wobei ich sehrwohl weiß, dass dies leichter gefordert ist, als es sich umsetzen lässt…
@ Alfi,
ohne Vereinmitgliedschaft kommst Du aber gar nicht so weit. Junge Sportler sind auf die finanzielle Unterstützung ihres Vereins und den persönlichen Einsatz ihres Trainers angewiesen.
Und wieso immer Nike oder Adidas? Für mich wäre sowieso Puma der Einzige und Wahre deutsche Sponsor eines Nationalteams. Diese Meinung habe ich nun schon über 40 Jahre.
Vielleicht erlebe ich es ja noch.
Dass man (der DLV) als Hauptsponsor NIKE auswählte und nicht Puma, TELECOM, adidas, … liegt natürlich allein an der Höhe der Fördersumme.
Vielen ist der schäbige Werbeslogan von NIKE bei den OS 1996 (Atlanta!) entfallen oder nicht bekannt geworden:
“Du gewinnst nicht Silber – du verlierst Gold!” R.Fosbury meinte entsetzt dazu: “Das war dumm, unverantwortlich … Das war in meinen Augen der Zusammenbruch der M o r a l im Sport.”
Wenn NIKE nicht so viel mehr als andere Sponsoren geboten hätte, wäre wohl adidas weiter unser Förderer geblieben – aber auf Moral kann / muss (?) man pfeifen (und Geld stinkt nicht.)
H Klimmer (sen.)
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