Rennen, wo man nicht mal stehen konnte

Aus der Reihe: Was man in Berlin unbedingt mal nicht gemacht haben muss.

Heute: Sätze erklären, die Gestern keinen Sinn gemacht hätten

Zur Begründung:
Sonntag habe ich beim Joggen mehrfach die “Grenze” zwischen Neukölln und Treptow überquert. Montag lief ich im Training die Landebahn von Tempelhof entlang. Ich weiß nicht welcher der beiden Sätze vor 20 Jahren mehr Fragen hinterlassen hätte. 

Neukölln gehört zum ehemaligen Westberlin, genauer zum amerikanischen Sektor. Treptow war sowjetischer Sektor, sprich Ost-Berlin. Wo genau welcher Ortsteil anfängt, das krieg ich nicht richtig hin. Irgendwo zwischen tausendsten und zweitausendsten Schritt vielleicht. Ich weiß es nicht. Man bemerkt es auch nicht. Letztlich ist es sogar egal.

Tempelhof war einer der drei (bzw. streng genommen 6) Flughäfen Berlins (die anderen sind Schönefeld und Tegel, bzw. Gatow, Johannisthal und Staaken). Seit etwa zwei Jahren ist er geschlossen, seit einiger Zeit tagsüber frei zugänglich.

Während der Luftbrücke war es vor allem dieser Flughafen, auf dem die „Rosienenbomber“ landeten. Glaubt man Wikipedia, legte die Überlastung von Tempelhof den Grundstein für den Bau des Flughafen Tegels, dessen Tage auch bereits gezählt sind, womit alle ehemaligen West-Flughäfen gewichen sein werden. Schönefeld wird zu Berlin Brandenburg-International („Willy Brand“) ausgebaut.

Wo früher die Rosinenbomber landeten, kann ich heute joggen. Die zwei Kilometer langen Landebahnen sind mancherorts noch etwas mitgenommen.

Beide Joggingstrecken – meine Grenzstrecke, sowie der Ex-Airport – hätten sich die meisten Berliner vor etwas mehr als zwanzig Jahren vermutlich nicht träumen lassen. Für mich waren sie, als ich nach Berlin kam, schon einfach da. Und persönlich ärgere ich mich am ehesten darüber, dass zu viele der Wege asphaltiert sind (dazu in einem späteren Beitrag mehr).

Es ist eine Mischung aus Ignoranz und Arroganz mit der diese Strecken bejoggt werden. Und Abseits von jeder berechtigten Form des Erinnerns, ist es genau diese Ignoranz und Gleichgültigkeit, irgendwo zwischen dem tausendsten und zweitausendsten Schritt, die erst den wirklichen Fortschritt bringt, die Grenzen erst wirklich verschwinden lässt.

Ich weiß nicht genau wo die Grenze verlief, und ich achte mehr auf meine Zeit, als darauf. Das sehe ich als meinen Beitrag zur deutschen Einheit. Gestern mag hier ein Kennedy gelandet sein, um zu sagen, dass er Berliner sei (wobei das aus dem Kontext gerissen ist). Heute trainiere ich hier, um Morgen gut zu sein. Wie auch immer das Morgen aussieht und sage (auch aus dem Kontext gerissen), Europäer zu sein.

Ich hoffe, dass meine Sportkollegen aus anderen Teilen der Welt (Jerusalem, Korea, uvw) irgendwann ähnlich gleichgültig die Geschichte mit Füßen in Joggingschuhen treten können.

PS: Beim Laufen hörte ich übrigens Songs von den Olympischen Spielen in dem Land, in dem es Schätzungen zufolge am meisten Menschen gibt, die Englisch sprechen können: Der Volksrepublik China. Noch so ein Sachverhalt, den ich vermutlich hätte erklären müssen.

Text und Foto: Von unserem Hauptstadt-Korrespondenten aus Berlin… ach ne, das bin ich ja derzeit selbst.

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