Donnerstag stellte taz.de (und z.B auch netzpolitik) das geplante Enthüllungs-Portal OpenLeaks vor. Es wird unter anderen von Daniel Domscheid-Berg geplant, der früher bei Wikileaks aktiv war. OpenLeaks will einige Dinge bewusst anders angehen als Wikileaks. Die beiden in meinen Augen Hauptunterschiede sind folgende:
- Man will (so sagt man zumindest) sich nicht auf die „großen“ Stories allein konzentrieren
- Man will kein neuer Gatekeeper sein. Die Informanten sollen selber entscheiden können, wer die Dokumente erhält (welcher Medienpartner)
Beides finde ich zunächst einmal gut. Der Ansatz lässt vermuten, dass es keine großen Pressekonferenzen geben soll, auf denen sich ein „Gründer“ inszeniert. Auch, dass nicht OpenLeas bestimmen soll, wohin die Daten gehen, sehe ich als einen Fortschritt. Zwar könnte betrogen werden und auch hier könnte der Dienst die Zusammenarbeit aufkündigen, wenn ihm die Berichterstattung des Medienpartners nicht gefällt, doch die Macht wäre ungleich kleiner.
Zusammengefasst: In Meinen Augen also ein guter Ansatz, den es weiter zu verfolgen gilt.
Das Feedback, dass auf taz.de und netzpolitik in den Leserkommentaren auftauchte, hat mich jedoch überrascht. Sehr viel Negatives war dabei. Eine kleine Auswahl:
Leakplattformen die sich auf Journalisten verlassen sind verlassen. Da brauch man sich nur frühere große Leaks von WL anschauen, wo ähnlich vorgegangen wurde.
Ein Mitläufer von WikiLeaks möchte an dem Hype profitieren. Erst wenn da vorzeigbare Ergebnisse vorhanden sind wäre es interesant darüber zu berichten.
OpenLeaks von, zum Teil realitätsfremde Idealisten, aufgezogen wird die selbe Entscheidungsgeschwindigkeit haben wie die großen Diskussionsfreudige Studentenbewegungen.
Sehr schönes Projekt aber es geht den Macher um Eitelkeiten und verletzten Stolz. Und nicht um die Sache an sich.
Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt! Das finde ich wirklich voll idiotisch. Es scheint, der Abtrünnige ist nicht weniger egomanisch als sein ehemaliger Chef.
Vor allem der zuletzt zitierte Kommentar bringt die teilweise vorhandene Ablehnung auf den Punkt: Domscheit-Berg als “Abtrünniger”. Manchmal wirkt es auf mich, als seien im Internet derzeit viele „Anhänger“ oder „Fanboys“ unterwegs, die Wikileaks vollkommen kritiklos hinterher hecheln. Auch die DDoS-Attacken passen in diese Reihe. Manchmal nimmt das Ganze schon religiöse Züge an. Andererseits: Es wird nur halb so warm gegessen, wie kommentiert
Zurück zum OpenLeaks-Konzept: Viele Kommentatoren kritisieren zudem, OpenLeaks würde die Authenzität nicht überprüfen (können), wie Wikileaks. Ein Beispiel:
Wikileaks hat sich gewissermaßen durch selbst auferlegte Qualitätsstandards eine recht gute Reputation erarbeitet – übermittelte Dokumente werden und wurden soweit ich weiß erst eingehend gesichtet und auf ihre Glaubwürdigkeit und Authentizität geprüft bevor sie veröffentlicht wurden. […] ob “freie” Leak-Projekte diese Qualitätsstandards durchweg aufrechterhalten könnten, da darf man schon ein bißchen skeptisch sein.
Solange wir nicht wissen, wie die Wikileaks-Leute arbeiten, wie viele es z.B. sind und wie lange sie arbeiten, welchen Hintergrund sie haben, sind wir darauf angewiesen, Wikileaks zu glauben. So wie ich es verstanden habe, lief auch bei Wikileaks die entscheidende Sichtung und Aufbereitung über die Medienpartner.
Ich würde mich freuen, wenn durch OpenLeaks Whistleblowing dezentralisiert wird und somit weniger machtvoll. Ich hoffe, dem Dienst wird von Whistleblowern und Wikileaks-Anhängern eine Chance gegeben (derzeit kann man bei Wikileaks übrigens eh nichts über die Seite einsenden).
Am liebsten wäre mir freilich weiterhin, es bräuchte keine Zwischeninstanz zwischen Informant und journalistischem Medium.
