Iran war die Twitter-Revolution. Zumindest bis man das Wort Revolution streichen musste. Dann kamen Tunesien und Ägypten. Diese Länder haben ihre Machthaber zumindest gestürzt. Und weil die ganze Welt daran teilhaben konnte, zumindest wenn sie nicht deutsches TV sah, wollte man doch auch irgendwie Teil davon sein.
Wir im Netz waren dabei, wir gehören zu den Ägyptern. Wir haben Mubarak mit gestürzt, weil wir immer alles wissen wollten und auf Facebook mit kommentierten. Facebook ist westlich. Seht ihr, ohne uns, hättet ihr noch immer eine Diktatur (die wir übrigens erst so nannten, nachdem unser Urlaubsland mit Protesten in den Medien auftauchte).
Ägypten ist die Facebook-Revolution. Das Internet war lange Zeit aus? Egal! Die Frage an einige Demonstranten oder „Experten“ inwiefern ihnen Facebook geholfen habe („Ja, war sicher hilfreich“) reicht als Indikator. Hat jemand einen Demonstranten gefragt, wie das überwiegend gute Wetter geholfen hat?
Ägypten die Schön-Wetter-Revolution?
Klingt eher nach Deutschland. Aber halt: Es wird ja tatsächlich von Klima-Revolution geschrieben.
Ich persönlich möchte all jene Faktoren als Teilaspekte nicht ausschließen. Sicher können sie unterstützend wirken. Aber wenn wir westliche Menschen schon als Teilauslöser gelten wollen, sollte man einen anderen Gedanken Aufmerksamkeit schenken:
Ägypten ist die Tourismus-Revolution.
Der Tourismus könnte seinen Teil beigetragen haben. Vielleicht mehr noch als über Facebook bekommen junge Ägypter über den Tourismus in ihrem Land regelmäßig Kontakt zu westlichen Gedankengut und Lebensstil. Sie sehen, wie wir leben, schließen Freundschaft (auch auf Facebook). Ich denke, friedlicher und respektvoller Tourismus kann langfristig Gesellschaften umwälzen.
Natürlich nicht allein. In Ägypten wäre auch wenig gegangen ohne Al Jazeera. Erleben wir gerade die Al Jazeera-Revolutionen? Zumindest bringen sie dem Sender weltweite Beachtung.
x,y,z-Revolution: Vielleicht ist alles ein Teil, vielleicht alles richtig. Vielleicht aber auch maßlos übertrieben. Revolutionen können historisch betrachtet meist erst einige Jahrzehnte später richtig eingeordnet werden. Nicht von Journalisten oder Kommentatoren, sondern von Historikern.
Bis dahin sollten wir die Revolution in Ägypten von Zwangsehen mit von außen herangetretenen Attributen verschonen und abwarten. Abwarten, ob die Revolution überhaupt eine ist.
PS: Die Oktober-Revolution fand übrigens im November statt, die Februar-Revolution im März.
