In den letzten Tagen wurde ich gehäuft von Freunden gefragt: Warum macht ihr Journalisten so etwas? Warum berichtet ihr so reißerisch über Themen? Warum bringt ihr alle paar Minuten ein Update zu einem Sachverhalt, obwohl es gar nichts Neues gibt? Warum schreibt ihr Themen wie EHEC oder E10 hoch, so dass nachher Verwirrung, Angst und Panik herrschen?
Dazu kann ich nur jedes Mal sagen: Auch mir geht dies häufig auf den Sack. Und eine definitive Antwort auf diese Fragen kann ich auch nicht geben. Aber ich habe eine These. Sie lautet: In den Redaktionen herrscht Angst. Mehr noch: Es herrscht blanke Panik!
Die Angst resultiert in Teilen aus Unwissen und Konzeptlosigkeit. Viele Verlage scheinen noch immer nicht zu wissen, wie sie im Jahr 2011 mit Journalismus viel Geld erwirtschaften können. Dabei liegt in diesem Punkt meiner Meinung nach häufig gar nicht das Problem, vielmehr müsste man auf der Ausgaben-Seite reagieren. Dies wird aber immer nur mit Personalabbau verwirklicht, welcher letztendlich wieder zu Qualitätsverlust führt. Doch das ist hier nicht das Thema.
Geld kommt – gerade im Internet – fast ausschließlich, wenn auch indirekt, durch Aufmerksamkeit zustande. Das bedeutet beim vollkommen an der wirklichen Aufmerksamkeit vorbeigehenden Messkriterium „Page Impressions“ natürlich: Klicks.
Die sind leicht messbar. Und durch sie und das Internet im Allgemeinen ist die Konkurrenz ungleich größer geworden. Die Frankfurter Rundschau steht nicht mehr nur in Konkurrenz zur FAZ. Sie steht auch in Konkurrenz zur New York Times und zum Guardian. Sie steht in Konkurrenz zu Al Jazeera und BBC. Mehr noch: Sie steht in Konkurrenz zu YouTube, Facebook, Twitter und einer nicht enden wollenden Anzahl von Blogs. Aber nicht nur das: Wurde früher eine FR verkauft, war das quasi eine Flatrate. Doch dank Klicks steht die FR auch intern in Konkurrenz mit sich selbst. Der Sport zur Politik, die Wirtschaft zur Kultur. Und plötzlich wird es doppelt wichtig, welche Redaktion welches Thema behandelt.
Aber ich glaube das Problem mit uns Journalisten wiegt noch tiefer. Geld ist nur ein Vorwand, außer vielleicht bei den Verlegern oder der Redaktionsleitung. Es geht einfach nur um Aufmerksamkeit. Wir wollen beachtet werden. Wer schreibt, will gelesen werden. Dieser Wunsch und die Angst, dass es nicht der Fall ist, sind vermutlich so alt, wie der Journalismus selbst. Heute haben wir jedoch das Gefühl, ständig gezeigt zu bekommen, dass wir nicht oder weniger beachtet werden.
Ich weiß nicht, ob Journalismus „früher“ wirklich besser war. Dafür lebe ich schlichtweg nicht lange genug. Ich würde fast annehmen, dass es wie bei allem Historischen ist: Es wird im Vergleich zum jetzt glorifiziert. Ich weigere mich allerdings zu glauben, dass Journalisten nicht stets ein wenig die Welt retten wollen. Doch bereits in der Ausbildung wird jeder Spruch, der in diese Richtung geht, von den Alteingesessenen belächelt. Vielleicht sind sie bereits desillusioniert.
Das Tagesgeschäft ist nämlich, dass eine große Anzahl von Journalisten täglich irgendwo in der Pampa steht, um über irgendetwas zu berichten, was morgen schon wieder vergessen wird. Dass sie mit irgendwelchen Leuten reden müssen, die genauso wenig Lust auf ein Interview haben, wie der Journalist selbst. Und dass sie dafür, mal mit Recht, mal mit Unrecht, mal direkt und mal stellvertretend als „schmierige Schreiberlinge“ bezeichnet werden, nur um 10 Minuten später schon als „Tragende Säule der Demokratie“ geadelt zu werden.
Beides ist richtig. Weil jeder Beruf, aber auch jeder Mensch, sein Engelchen und sein Teufelchen auf der Schulter sitzen haben. Der Unterschied im Journalismus, ähnlich wie in der Politik, ist jedoch, dass beide der kleinen Begleiter ihrem Träger dazu verleiten, Aufmerksamkeit zu erlangen. Aufmerksamkeit für das Blatt oder für die eigenen Themen, um etwas zu verbessern. Und Aufmerksamkeit für sich selbst, um so etwas wie ein Danke zu hören. Auch wenn dieses Danke „viel geklickt“ heißt.
Im Grunde wollen wir nämlich alle nur geliebt werden. Und wer nicht geliebt wird, will wenigstens gehasst werden. Die emotionale Bindung, die bei diesen beiden Gefühlen entsteht, ist nämlich gar nicht so verschieden.
Und was wäre nun die Lösung? Vermutlich die, die in fast allen Lebensbereichen gilt: Wir alle, sollten uns und das Leben nicht immer so verbissen sehen. Beide Seiten müssten sich gegenseitig nur etwas mehr vertrauen und etwas mehr versuchen zu verstehen. Kurzum: Etwas mehr lieben.
