Randalierende Jugendliche und Emotionsfreiheit

Ich gebe zu, was in England abgeht, habe ich erst richtig mitbekommen, als es schon fast vorbei war. Und ich gebe zu, ich habe mit nicht einen der Leute dort gesprochen. Beides habe ich vermutlich mit den Verfassern vieler anderer Texte zu der Thematik gemein. Nur dass ich der Einzige zu sein scheine, der dies auch aufschreibt.

Als ich Dienstagabend das Heute Journal anschaute, kam mir ein Gedanke. Der Gedanke, dass all das zusammenhängt, was dort berichtet wird und das es falsch ist, alles einzeln zu betrachten und noch dazu jeweils in verkrustete Kausalzusammenhänge pressen zu wollen mit einer Ursache und einer Wirkung.

Es ist die selbe Diskussion, wie sie nach jedem Amoklauf stattfindet. Wo tagelang darüber diskutiert wird, ob es Computerspiele waren, ob es Mobbing war, ob es die geschiedenen Eltern waren oder was auch immer, das die schreckliche Tat ausgelöst hat. Das Ergebnis dieser Diskussionen ist immer das Gleiche: nämlich, dass es kein Ergebnis gibt. Ich glaube, dass Menschen nicht so einfach ticken, wie chemische Formeln, wo man Stoff A und Stoff B zusammenkippt und Stoff C heraus kommt.

Und genau deshalb hängt alles zusammen. Ich halte es für falsch zu sagen, in England werden Schwarze häufiger kontrolliert und die Jugend hat Probleme einen Job zu bekommen – das sind die Gründe und nun zu den Wirtschaftsnachrichten. Sicher, es mag eine Rolle spielen. Aber es setzt voraus, dass Menschen logisch handeln. Jeder, der einmal in einer Beziehung war oder es ist weiß, dass Menschen eben nicht allein logisch handeln. Wir Menschen handeln aus Gefühlen.

Als ich die Nachrichten sah und hörte kam in mir ein Gesamtgefühl auf. Wenn man so will, ein Lebensgefühl. Das Gefühl, wie sich das hier und jetzt anfühlt. Und es ist ein verdammt seltsames Gefühl, für das ich gar keine Worte finden kann. Man fühlt, hier und jetzt zu leben, inmitten einer Finanzkrise, von der ich selbst, um ehrlich zu sein, nur aus den Nachrichten erfahre. Inmitten einer Zeit, in der in Syrien Gewalt herrscht und wir lieber die DAX-Live-Cam auf der Startseite platzieren. Inmitten einer Zeit, in der in Afrika tausende verhungern und wir darüber reden, ob Mario Götze nächstes Jahr für Dortmund noch zu finanzieren ist. All das, gewürzt mit dem Wetter und all dem, was an privaten Wünschen, Problemen und Sorgen da ist, ergibt ein Gefühl. Ein Gefühl, das ich bin – und das bestimmt, was ich tue. Und wo viele dieser Gefühle zusammen kommen, sich abmildern oder aufheizen, ergänzen oder widersprechen, entsteht Gesellschaft.

Ich habe in den letzten Tagen viele Texte zu den Randalen gelesen. Bei den meisten von ihnen kam das Kotzen in mir hoch. Ich weiß nicht, was in den Köpfen (oder Herzen) der Jugendlichen dort abgeht. Ich finde es definitiv falsch, was passiert, obwohl ich kaum weiß, was passiert. Was ich jedoch weiß, ist wie ich mich dabei fühle. Und das erschreckende ist: Mit fast jedem Bericht bekomme ich mehr Sympathie für Leute, für die ich keine Sympathie habe. Das muss ich erklären:

Wenn ich lese, dass Randale in Ägypten Freiheitskampf war, in England jedoch nur Randale. Wenn ich lese, dass die Jugend in Griechenland perspektivlos war, in England jedoch kriminell, empfinde ich das als schwarz-weiß-Denken. Wenn gefordert wird, mit aller Härte „diese Jugendlichen“ ruhig zu stellen, empfinde ich auch das als brutal – und somit falsch. Es wird nicht deeskaliert, es wird gerächt. David Cameron sagt, er wolle einen Gegenschlag. Das ist Rhetorik wie aus dem Krieg. Und ich weiß manchmal nicht, ob England (aber nicht nur England) und der größte Teil der (deutschsprachigen) Presse, nicht tatsächlich bereit sind, einen Krieg gegen Teile der eigenen Gesellschaft, diesmal der Jugend, zu führen. “Teile unserer Gesellschaft sind nicht nur kaputt, sondern krank“, sagte Cameron. Und das ist der Punkt, in dem auch ich mich angegriffen fühle. An dem ich Angst habe. An dem ich denke: Hört denn keiner mehr zu?

Es ist ein Gefühl – wie ich bereits sagte. Es muss nicht rational sein, es muss nicht einmal richtig sein. Aber ich denke, und das ist eine rein persönliche Meinung, dass wir alle mehr auf unsere Gefühle achten müssten.

Ein Zeit Online Artikel hat mich besonders gestört und letztlich dazu motiviert, dies hier zu bloggen. In dem Artikel schreibt Khue Pham (überraschender Weise ausgerechnet Jung-Redakteurin) einiges von dem, was ich weiter oben bereits als störend empfunden habe.

So lese ich etwa:

„Die israelischen Jungen sagten: Wohnung, und die Regierung sagte: Nahostkonflikt. Die ägyptischen Jungen sagten: Arbeit, und die Regierung sagte: Stabilität.“

Mir fallen mehrere Sätze ein, die darauf hätten folgen können:

  • Die europäische Jugend sagte Emotionen, und die Regierung sagte: Wirtschaftswachstum.
  • Die europäische Jugend sagte Unterhaltung, und die Regierung sagte: Krise.
  • Die europäische Jugend sagte weltweites Zusammenwachsen, und die Regierung sagte: Vier Wochen warten und dann doch noch in Libyen eingreifen.
  • Die europäische Jugend sagte Familie, und die Regierung sagte: Scheidungsrecht.

Vieles wäre möglich. Ein Satz zu Europa oder Großbritannien in diesem Format bleibt aber aus. Es gibt keine Gründe – es ist unvernünftige Gewalt. Das wird suggeriert.

Immerhin findet sich etwas später der Satz:

„Man findet auch gewisse Parallelen zu der Situation der Jungen in Tunesien, Ägypten, Israel, Griechenland und Spanien: das Gefühl von Ausgrenzung, das Misstrauen in staatliche Institutionen, die Vernetzung durch neue Medien“.

Kurz vor Ende heißt es „Wer will, dass es nicht so endet wie in London, der muss mit den Jungen sprechen und ihnen zuhören“. Genau das scheint aber kein Autor gemacht zu haben. Und seien wir ehrlich: Wo hört man wirklich der Jugend zu? Es werden auch in Deutschland Debatten zu Internetpolitik geführt, die gegen die Jugend gerichtet sind, sie unter Pauschalverdacht stellen. Mit ihnen wird kaum gesprochen, mit ihnen entschieden ohnehin nicht. Zur Zeit, zu der die mittlerweile zurückgenommene AKW-Laufzeitverlängerung diskutiert wurde, entschieden keine jungen Leute. Die standen jedoch auf der Straße, weil sie mit dem Atommüll noch deutlich länger leben müssen.

Er [gemeint ist der, der zuhört] muss ihnen helfen, ihr Versprechen umzusetzen.“, heißt es im Folgesatz. Warum? Weil wir Jugendlichen (ich schreibe wir, weil ich mich angesprochen fühle) zu dumm sind? Warum?

Der Zeit Online-Artikel schließt mit der Feststellung:

„Die einen wollen Freiheit und Gerechtigkeit, die anderen Krieg und Flachbildschirme.“

Dieser Satz schmerzt. Wir machen es uns zu einfach, wenn wir beschimpfen, was wir nicht mögen. Wenn wir für dumm oder böse erklären, wer nicht tut, was wir für richtig halten. Aber der Satz schmerzt noch aus einem anderen Grund. Ich glaube, die Proteste haben alle sehr wohl einen gemeinsamen Nenner. Ob der berechtigt ist oder nicht, ist eine ganz andere Frage. Und ob das stimmt, was ich nun abschließend schreibe, kann ich auch nicht belegen. Es ist meine ganz persönliche Meinung.

Ich glaube, es geht im Kern nicht um Wohlstand. Es ging auch bei den Protesten in Nordafrika nicht in erster Linie um Meinungsfreiheit. Es geht um Emotionsfreiheit. Die Menschen wollen nicht zwangsläufig sagen „ich finde dies und das schlecht“. Sie wollen sagen „ich bin unglücklich“. Und was sie wollen, ist das gleiche, was wir Menschen immer wollen: Aufmerksamkeit, Verständnis und Liebe. Das wir mit unserem Streben danach häufig genau das Gegenteil erreichen, ist leider Gottes urmenschlich.

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