Gestern wurde die wahre Eurokrise mal wieder deutlich: Auf unserem Kontinent kann kaum einer singen. Zugegeben, das Wort Eurokrise in Verbindung mit den Eurovision Song Contest zu setzen ist denkbar flach. Aber nur auf den ersten Blick. Denn trennt man sich vom oberflächlichen Getraller wird sehr wohl deutlich, wo der Schuh drückt.
Man könnte darüber sprechen, ob Deutschland Punkte aus Griechenland bekommen hätte, wenn man dem Land gegenüber in den letzten Monaten anders aufgetreten wäre. Man könnte darüber reden, ob Anke Engelkes Statement notwendig und richtig war oder oberlehrerhaft und arrogant, wenn man im gleichen Atemzug in eigener Landessprache den Staatsbürgern dankt, die ein vermeintliches Propaganda-Ereignis inklusive Unterdrückung der Opposition erst möglich gemacht haben. Und wieder einmal könnte man darüber reden, ob es richtig ist, dass sich einige Länder gegenseitig die Punkte zuschieben und dabei vergessen, dass unsere Nachbarn uns offenbar nicht so gern haben.
Könnte man. Aber das wäre der falsche Ansatz. Der Eurovision Song Contest ist eine Spaßveranstaltung. Sie lockt eine dreistellige Millionenzahl an TV-Zuschauern quer durch Europa vor die TV-Geräte. Damit ist der Wettbewerb ein Stück weit europäische Kultur. Nicht deutsche, nicht schwedische oder aserbaidschanische. Europäische.
Gestern Mittag ging mir das Ganze Griechenbashing und Sarrazin-Gelaber so auf den Sack, dass ich via Twitter mal kurz und bündig meine Meinung zum Euro sagen musste:
Wer sagt, der #Euro sei ökonomisch nicht sinnvoll, verkennt, dass er ein politisches Projekt ist und Gewinne jenseits von Renditen bringt—
Andreas Grieß (@youdaz) May 26, 2012
Damit ist der Euro, wenn auch in ganz anderem Maßstab, etwas ähnliches wie der Song Contest. Er dient nicht dazu, Gewinne einzustreichen. Er ist vermutlich auch nicht immer gerecht. Er hat den Zweck, uns zusammen zu bringen. Er hat den Zweck, Grenzen abzubauen. Er hat den Zweck, gemeinsame Identität zu stiften.
Leider scheint unsere Denken häufig doch eher materiell und kurzfristig zu sein. Statt uns über Zusammenwachsen und zusammen feiern, wie es vor nicht einmal hundert Jahren noch unvorstellbar gewesen wäre, zu freuen, finden wir in unseren Gemeinsamkeiten Dinge, uns zu trennen und prügeln aufeinander ein. Wollen Griechenland aus dem Euro und Aserbaidschan aus dem ESC schmeißen. Bezahlen sollen bitte nur die anderen und gewinnen, wer von uns ist – oder Schweden. Auf meinen Euro-Tweet bekam ich teils harsche Antworten. Trauriger Tiefpunkt war dieser:
@youdaz Ach so. Und gegen die Briten führen wir gerade Krieg? Und gegen die Schweiz? Nein? Komisch, die haben doch den #Euro gar nicht.—
Daniel (@daniel_510784) May 26, 2012
Nein, wir führen keinen Krieg gegen Ländern, die eine andere Währung haben. Aber in Europa sind schon Konflikte wegen ähnlichen Dingen ausgebrochen. Ich gehöre einer Generation an, die ständigen Frieden in Europa gewohnt ist. Einer Generation, die Grenzkontrollen und Geldwechseln nicht für normal sondern für lästig empfindet. Einer Generation, die ein geeintes Europa für selbstverständlich hält. So selbstverständlich, dass sie sich nicht mit weniger abfinden will.
Uns allen in Europa kommt der Frieden und die wenn auch ruppige Freundschaft selbstverständlich vor. Das Problem ist aber: Dies ist nicht selbstverständlich. Es fußt auf all dem, was seit dem 2. Weltkrieg und seit dem Wandel im Osten aufgebaut wurde. Nichts von dem sollten wir leichtfertig wieder zurück geben. Egal ob es eine viel zu schwere 50cent-Münze, oder ein paar singende Omas aus Russland sind.
PS: Empfohlen sei auch dieser Griechenland-Kommentar von Marc Beise