Mit gewissem Ärger verfolge ich in den letzten Tagen die Berichterstattung zum Burda-Heft „Treat“. Für alle, die nicht mitbekommen haben, was das ist: Es handelt sich um ein Lifestyle-Magazin, dass von Schülern der Burda-Journalistenschule erstellt wurde. Es wurde vom zur Schule gehörenden Verlag nun in einer Auflage von 50.000 Exemplaren produziert und wird ab heute verkauft.
Soweit so gut. Mich persönlich spricht das Heft nicht an, was aber nicht bedeutet, dass es handwerklich keine gute Arbeit ist. Was mich stört, ist der Hype rumherum. Natürlich hat Burda die PR-Maschine angeschmissen. Und nun berichten verschiedene Mediendienste nicht nur, dass es das Heft gibt, sondern liefern gleich wohlwollende Blattkritiken dazu inklusive der wenig überraschend lobenden Worte der Schulleiter aus der Pressemitteilung.
Nun bin ich natürlich parteiisch, dennoch finde ich, es steht in keinem Verhältnis, wie dieses Pressecho im Vergleich zu dem ausfällt, welches entsteht, wenn in meinem (mittlerweile ehemaligen) Studiengang Online-Journalismus in Darmstadt ein Projekt publiziert wird. Das wird dann von den „Großen“ der Branche nämlich gar nicht beachtet. Und das liegt nicht daran, dass keine Pressemitteilungen verschickt würden. Und es liegt auch nicht dran, dass die Projekte schlecht wären.
Unser iPad-Magazin ausgespielt wurde mehrere hundert Mal herunter geladen und ist noch immer mit voller Anzahl an Sternen auf iTunes bewertet. Das im Halbjahr davor erstellte Online-Special „Eurozone Ostend“ ist für den Ernst-Schneider-Preis nominiert. Hervorzuheben aus jüngster Zeit sind zum Beispiel auch das „Fupp-Magazin“ für Kinder oder das Wissenschafts-Magazin „Grauzone“, an denen ich nicht selbst beteiligt war.
Was all diese Projekte unterscheidet von dem, was Axel-Springer-Akademie, Burda-Schule und Co. publizieren? Neben dem Presseecho ist es vor allem eines: Hier wurde viel mehr selbst gemacht. Und gerade das ist in Zeiten wie den derzeitigen, wo es auch darum geht ökonomisch denken zu können, besonders wichtig, wenn man mich fragt. Nehmen wir „ausgespielt“: Hier haben wir Studis alle Videos selbst gemacht, den Großteil der Bilder selbst gemacht, natürlich alle Texte geschrieben. Wir haben aber auch das Design erstellt und die technische Umsetzung verwirklicht. Auch organisiert haben wir uns selbst. Kurz zuvor gab es auch eine iPad-App der Axel-Springer-Akademie. Hoch gelobt – technisch umgesetzt von einer Agentur.
Oder legen wir die beiden Hefte der h_da, Grauzone und Fupp neben Treat. Bei den Darmstädter Werken wurde nicht nur viel Arbeit in inDesign verwendet. Es musste auch Verlegerische Logistik geleitet werden: Es wurde nach einer geeigneten Druckerei gesucht, es wurde die Finanzierung organisiert- alles von Studierenden. Probleme, die die Schüler der Burda-Schule kaum gehabt haben dürften. In einen der Beiträge zum Heft heißt es:
„Treat hatte mit Alexander Axzél (u.a. GQ, Park Avenue) einen renommierten Art Director an Bord, die Fotoshootings übernahmen u.a. Gabo, Maurice Weiss und Marcus Höhn.“
Und ich würde auch bezweifeln, dass die Nachwuchskräfte Eva Padberg als Cover-Model hätten gewinnen können, wenn sie sich als Studierende der Hochschule Darmstadt vorgestellt hätten. Ähnlich verhält es sich mit den Interview-Partnern von 20zwölf der Springer-Akademie. Naheliegender Weise ist hier zum Beispiel Kai Diekmann zu nennen.
Man verstehe mich nicht falsch, ich möchte die Leistung der Nachwuchsjournalisten anderer Ausbildungsstätten nicht schmälern. Vieles von ihnen habe ich sehr gerne gelesen und angeschaut und nicht selten war ich positiv erstaunt. Auch persönlich bin ich stets gut mit ihnen klar gekommen, wenn man sich begegnete. Es geht mir darum, dass die Branche und auch die Branchendienste (das kann ich auch sagen, wo ich gerade bei einem arbeite), nicht alles unkritisch hochfeiern sollten, was aus den Kaderschmieden der Republik ist. Hier wird Standard-mäßig eine große PR-Maschine in Gang gesetzt und hier verfügt man über die E-Mail-Verteiler und persönlichen Kontakte. Und natürlich ist jedes Mal ein großes Eigeninteresse dabei, immerhin will man auch Werbung für die eigene Schule machen – und nicht selten auch Hefte oder Apps verkaufen, sprich man verfolgt finanzielle Ziele.
Ich finde es gut, Werke des Nachwuchs zu präsentieren. Aber wenn man schon über das berichtet, was die jungen Kräfte in diesem Land so auf die Beine stellen, dann muss man es richtig tun. Dann muss man bereit sein, journalistische Tugend an den Tag zu legen und sich einzulesen, zu informieren, schlichtweg: zu recherchieren, was es für Ausbildungsangebote gibt, was die an praktischen Arbeiten produzieren und was davon eigen-Leistung, was vielleicht sogar Innovation ist. Sich nur von Pressemitteilungen der „Großen“ füttern zu lassen, das ist nicht journalistisch.
Klarissa Lueg hat vor einiger Zeit etwas Erschreckendes festgestellt: Gerade an etablierten Journalistenschulen herrscht eine massive soziale Auslese. Einige soziale Schichten sind dort gar nicht anzutreffen. Das ist traurig. Viele Erfahrungswerte und viele Ideen gehen so verloren. Schaut man sich an, wer in den letzten Jahren Grimme Online Awards gewonnen hat, fallen zudem einige herausragende Werke auf, die nicht von Leuten gemacht wurden, die welche der etablierten Journalistenschulen besucht haben. Mehr noch: Sie haben gar keine klassische journalistische Ausbildung. Und dennoch, oder vielleicht sogar gerade deswegen, waren sie es, die datenjournalistische und multimedial-erzählerische Elemente produziert haben, die anderen nicht in den Sinn kamen. Das sollte uns zu denken geben.
Was ich mit all dem sagen will: Die Branche, egal ob in der Berichterstattung über sich selbst, oder auch wenn es darum geht, neue Kräfte in die jeweiligen Redaktionen zu holen, sollte weniger darauf achten, woher Leute und Produkte kommen, sondern vielmehr darauf schauen, was diese wirklich leisten, was sie können. Dazu gehört es auch, über die Stadtgrenzen von Hamburg, München und Berlin hinweg zu schauen.
Ich glaube abseits der etablierten Medien und Ausbildungswege gibt es viele Menschen, die den Journalismus voran bringen können. Die nicht nur national, sondern internationale Innovationen auf den Markt bringen können. Viel zu oft kämpfen sie jedoch gegen die Windmühlen aus Seilschaften und Image, die noch aus Zeiten herrühren, in der das Internet noch nicht einmal erfunden war.
Wie gesagt, ich bin in der Sache parteiisch. Vielleicht lohnt es sich dennoch, über meine Worte nachzudenken.
Reblogged this on Timo Niemeier, Online-Journalist und kommentierte:
Interessante Gedanken von Andreas Grieß zu Projekten, die an Journalistenschulen realisiert werden und immer groß vom Verlag unterstützt werden. Wieso bekommen Hochschul-Projekte nicht die gleiche Aufmerksamkeit?
Reblogged this on Out of Messel und kommentierte:
Was Andreas Grieß hier schreibt ist leider Realität. Nur wenige Projekte von Nicht-Journalistenschulen bekommen die gleiche Aufmerksamkeit in den Branchenmedien gewidmet. Ich hatte das Glück mit strabada.de, dlf50.org, wie auch journalismusfuerkinder.fbmd.h-da.de an Projekten gearbeitet zu haben, die in den einschlägigen Medien zumindest einmal in den Tagestipps gelandet sind und bei dlf50.org durch die gute Kooperation mit dem Deutschlandfunk auch bundesweit wahrgenommen wurden.
Als Student an der Hochschule Darmstadt bin natürlich auch ich nicht unparteiisch. Aber auch so schließe ich mich Andreas Forderung an: Leute öffnet eure Augen. Nicht nur die Journalistenschulen, natürlich auch nicht nur die praxisorientierten Journalismusstudiengänge an der Hochschule Darmstadt bieten spannende und häufig auch innovative Projekte, über die es lohnt zu berichten. Traut euch doch auch mal auf Entdeckungstour zu gehen in der Landschaft des Nachwuchsjournalismus!
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