Die Grammatik des #aufschrei

Seit ich vergangenen Freitag über #aufschrei geschrieben habe, denke ich viel über das Thema nach. Ich habe zur generellen Debatte viele Artikel gelesen, viele Blogposts, aber auch eine ganze Reihe an Artikeln in Zeitungen bzw. auf deren Online-Angeboten. Dankbar bin ich vor allem den vielen Frauen, die in den letzten Tagen Texte geschrieben haben, die daran erinnerten, dass es kein schwarz-weiß in dieser Debatte geben kann. Die betonten, dass man miteinander, statt übereinander reden muss. Die deutlich machten, dass Grenzen, die auf subjektiven Empfinden beruhen, nach Situation und Person variieren können.

Es gibt keine reinen Opfer. Es gibt keine reinen Täter. Und es ist auch falsch vereinfachend, wenn man fordert, die Gesellschaft müsse sich ändern. Denn die Gesellschaft ist kein eigenständiges Wesen, sondern ein komplexes System, das sich durch die Summe all unserer individuellen Einzeltaten ergibt. Wir sind die Gesellschaft, wenngleich die Gesellschaft in komplizierter Art und Weise wiederum eine Wechselwirkung auf individuelles Handeln hat.

Die Fragen, die viele – die schiere Zahl an Blogbeiträgen und #aufschrei-Tweets zeigt es – behandelt und diskutiert wissen wollen, sind nicht einfach. Sexismus hat mit Machtfragen zu tun. Feminismus ebenso. Gesellschaftliche Stellung, Einfluss, Ansehen und die Intimsphäre kollidieren. Wer sich auf die Diskussion wirklich einlässt, lässt sich darauf ein, in diesen Punkten angegriffen und verletzt zu werden.

In den vergangenen Tagen musste ich mehrfach an eine Situation aus meiner Schulzeit denken, auch wenn sie nichts mit Sexismus zu tun hat. Ich war verwickelt in eine Auseinandersetzung, wie es wohl täglich unzählige an deutschen Schulen gibt. Es gab böse Worte von Lehrern, einige Mitschüler standen naturgemäß auf der anderen Seite. Das tat alles weh. Doch was mich am meisten verletzte und was ich wohl auch nie vergessen werde, ist dass ich in einer Situation, in der ich etwas zur Lösung des Konflikts beitragen wollte, doch allen Ernstes von meiner Lehrerein hörte: „Du darfst nicht vergessen, du bist hier Täter, nicht das Opfer.“

Ich habe noch keinen Spruch gehört, der so ungeeignet ist, irgendwelche Konflikte zu lösen.

An vielen Stellen wird gesagt, man müsse mehr miteinander reden. So richtig das auch ist, so sehr glaube ich, dass ausgerechnet unsere Sprache uns dabei einen Strich durch die Rechnung macht. Wenn wir uns fragen, weshalb Debatten so selten brauchbare Ergebnisse abwerfen, lohnt ein Blick auf die altehrwürdigen Sprachwissenschaftler. Man lese Whorf, Leibnitz.

Subjekt –Prädikat – Objekt. So funktioniert unsere Sprache – und mit ihr unsere Gedanken. Oder anders ausgedrückt: Täter – Tat – Opfer. Unsere Sprache ist kausal, stringent, rundenbasiert. Sie hat keine Wechselwirkung. So funktioniert ein Flipper, aber keine Gesellschaft.

Wir müssen eine neue Form der Sprache nutzen, wenn wir Probleme lösen wollen, an denen wir beteiligt sind. Denn sonst werden wir immer in irgendeiner Situation innerhalb der Debatte der Täter sein oder uns droht, dass wir es sind. Und dann verteidigen wir uns. Debatten werden deshalb schnell von Eigeninteressen gelenkt. Man belauert sich, statt aufeinander zuzugehen. Glücklicher Weise gibt es diese Sprache. Bevor ich darauf komme, jedoch zunächst noch ein anderer Gedanke:

Die Situation rund um #aufschrei erinnert mich nämlich an eine andere gesellschaftliche Großdebatte: die Situation rund um das Buch von Thilo Sarrazin. Augenscheinlich haben beide Themen nicht viel miteinander zu tun. Wo die Parallele ist, will ich erklären.

Damals wie heute fuhr ich viel mit dem öffentlichen Nahverkehr. Der Unterschied: Damals hatte ich zur Arbeit meist einen Deutschland-Rucksack dabei. Während der Sarrazin-Zeit habe ich mich damit sehr unwohl gefühlt. Ständig hatte ich den Verdacht, dass jemand mit ausländischen Wurzeln den Verdacht haben könnte, ich wolle damit etwas ausländerfeindliches zum Ausdruck bringen. Der Verdacht eines Verdachtes, der das Handeln bestimmt.

Wie eingangs erwähnt, denke ich zur Zeit viel über #aufschrei nach. Wenn ich mich in der Bahn neben eine Frau statt neben einem Mann setze – was denkt die Person? Und schon gibt es den Verdacht, dass es den Verdacht geben könnte, ich wolle damit etwas bezwecken. Jeder Blick, jede Handlung – sie wird zum Verdacht eines Verdachtes.

Nun könnte man behaupten, dass wenn jemand aus Angst, etwas könnte ausländerfeindlich, respektive sexistisch rüberkommen und deshalb kränken, diese Handlung unterlässt, würde es auch weniger unbeabsichtigte(!) Konflikte geben. Aber der Antrieb dahinter wäre kein guter. Es wäre Angst und es wäre eine Beschneidung von Freiheit. Jeder der glaubt, die Gesellschaft durch das Reduzieren von Freiheiten verbessern zu können, bewegt sich auf Glatteis.

Wir wollen – zu Recht – unsere Freiheiten nicht beschneiden lassen. Also wehren wir uns. Und wieder gibt es Opfer uns Täter, Hass statt Lösungen. Die Sarrazin-Debatte hat für viel Streit und erhitze Gemüter gesorgt – aber hat sie uns voran gebracht?

Wenn wir die Gesellschaft, wenn wir Menschen ändern wollen, müssen wir mit ihnen reden, ohne dass sie Angst haben müssen, als Täter dargestellt zu werden und in Folge dessen als Verlierer aus der Debatte zu gehen. Das geht nur, indem wir nicht über uns selbst reden. Wir müssen Geschichten erzählen. Gute Geschichten sind die Sprache, die wir benötigen.

Gute Geschichten, mit tiefgründigen Charakteren, die nie nur Opfer, nie nur Täter sind. Ich habe immer gerne Dr. House gesehen und auch nach Ende der Serie kann man noch immer nicht sagen, ob dieser Charakter ein guter oder ein schlechter Mensch war. Und dennoch konnte man viel für sich selbst mitnehmen.

Literatur, Theater, Musik, Film. Hier können wir andere unsere Fehler begehen lassen und an ihnen erkennen, dass wir es besser machen wollen. Catharsis nannte man das früher. Wahre Veränderung von Menschen und damit langsam aber sicher auch von Gesellschaften passiert immer aus der eigenen Erkenntnis. Zu dieser muss jeder Mensch selbst gelangen – und das wird er nur selten, wenn er dafür einen Schutzpanzer durchdringen muss, den er automatisch aufbaut, wenn man ihn in Rechtfertigungsdruck bringt.

Klar: Diese Sprache zu nutzen ist ein langwieriger Prozess. Die Aufklärung war eine Epoche, kein Tweet.

Gefühlspluralität oder: Warum Kaffeemaschinen uns in die Diktatur treiben…

1. In der kanadischen Serie Continuum wird das Szenario einer Zukunft skizziert, in der Konzerne die Regierung übernommen haben. Weil die gewählte Regierung ihre Schulden nicht mehr begleichen konnten, bekamen große Firmen Macht als Schuldenerlass. Die Menschen in dieser Zeit können ein gutes Leben führen, gleichsam sind sie nie wirklich (schuld)frei, da die Regierungsunternehmen sie direkt oder indirekt zwingen, ihre Produkte zu kaufen. So ist ihre Macht und die Abhängigkeit der Bürger fixiert.

2. Eine Bekannte erhielt an diesem Wochenende eine neue Kaffeemaschine, die mit Pads arbeitet.

Was diese beiden Dinge miteinander zu tun haben? Natürlich erst einmal nichts. Und doch lässt sich daran etwas interessantes beobachten. Wir leben in einer größtenteils freien Marktwirtschaft. Interesse an Vielfalt haben wir jedoch, besonders in letzter Zeit, immer weniger. Da wäre die Kaffeemaschine, die den Nutzer zwingt, zum Betrieb weiter Produkte der Firma zu kaufen. Da wären eine ganze Reihe an Computern, deren Aufrüstung mit weiteren Programmen (Apps) weiter Geld in die Kasse der Hersteller (at least des Betriebssystems) spült. Amazon gibt sogar offen zu, dass sie nicht mit dem Verkauf ihrer Hardware Gewinn machen wollen, sondern durch die Kosten, die bei deren Nutzung für die Menschen entsteht.

Wo wir können, höhlen wir die freie Marktwirtschaft aus. Und das anders als in Continuum, ganz immanent, im Rahmen der freien Marktwirtschaft.

Bequemlichkeit, Prestige, Spaß. Das sind einige der Gründe dafür, dass wir mitunter äußerst unökonomisch handeln. Zumindest, wenn man unser Handeln in den mittel- und langfristigen Kontexten sieht. Wir handeln nicht logisch, sondern von Gefühlen gelenkt. Das ist nicht zwingend schlecht, das ist sehr menschlich. Wir haben zwar einen Verstand, aber ob wir glücklich sind oder nicht, bestimmt nicht die Logik. Und viele Entscheidungen beruhen auf Gefühlen, die dann vordergründig mit Logik begründet wird: Wir ziehen uns auf die Logik zurück, weil uns der Gedanke, nein das Gefühl, Angst macht – aus Emotionen zu handeln. Ob das Angst machen sollte, weiß ich nicht.

Doch was sagt uns das alles? Das sagt uns erstens, dass es den Homo Oeconomicus nicht gibt. Und damit freie Marktwirtschaft so nicht langfristig funktionieren wird. Aber erzähl mir was Neues ;) . Es sagt uns auch, dass ein großer Teil der Werbung, nämlich der, der an die Logik appelliert, am Ziel vorbei schießt.

Was aber bedeutet das alles für den Journalismus? Es bedeutet, dass wenn wir wirklich objektiv berichten wollen, wir nicht meinungsneutral, sondern gefühlsneutral berichten müssen. Und das wir nicht nur eine Meinungspluralität brauchen, sondern auch, dringend und endlich, Gefühlspluralität – gerne auch bei einer Tasse Kaffee ;)

Der Drohnenkrieg der Liebe

Der nachfolgende Text ist das Vorwort zu einer Hausarbeit, die ich in den vergangenen Tagen im Rahmen meines Studiums geschrieben habe

„Sex ist eine Schlacht, Liebe ist Krieg“, heißt es im Rammstein-Song „Wollt ihr das Bett in Flamen sehen“. Ein Vergleich, der passender ist, als man denken mag. Vor allem dann, wenn man die Entwicklung der Kriegstechnologien betrachtet und die Entwicklung der Liebe. Beide verfolgen den gleichen Trend: Durch den Einsatz von Technologie wird versucht, die Distanz zwischen den Akteuren zu erhöhen und das eigene Risiko zu minimieren.

Wenn man so will ist die Urform eines jeden Kampfes der Nahkampf. So kämpfen die meisten Tiere auch heute. Der „Nahkampf der Liebe“ ist das persönliche Gespräch oder zumindest die unmittelbare Kommunikation miteinander, die auch nonverbal auskommen kann. Sieg oder Niederlage entscheiden sich häufig unmittelbar und vor allem an Ort und Stelle. Die Gefahr der Niederlage ist daher unmittelbar. Der Kämpfer kann in der Aktion sterben, der Flirtende in der Öffentlichkeit seine Absage erhalten.

Der Mensch hat deshalb relativ früh Distanzwaffen erfunden. Mit Pfeil und Bogen ist es möglich, den Feind aus dem Hintergrund anzugreifen. Im besten Fall ist man dabei selbst in sicherer Distanz, kann auch bei einem ausbleibenden Treffer noch unbemerkt entkommen, ohne selbst Schaden davon zu tragen.

Was im Kampf Pfeil und Bogen, ist in der Liebe die Schrift. Mit der Schrift und wenn man so will der Einführung der Briefpost war auch die Möglichkeit zum Flirt aus der Distanz geschaffen. Beides sind frühe Formen des Distanz“kampfes“. Sie erfordern ein gewisses sich „heranschleichen“. Der Bogenschütze hat eine beschränkte Reichweite und der Autor des schmachtenden Liebesbriefes wird seine Angebetete zuvor auch irgendwo getroffen haben, ihren Namen und ihre Anschrift in Erfahrung gebracht haben. Gerade letzteres macht ziemlich klar deutlich: Die Aktion bedingt zunehmende Vorbereitung.

Nun bedeutet eine zunehmende Spezialisierung der Gesellschaft auch, dass Vorbereitung zum Teil in Arbeitsteilung geschieht. Pfeil und Bogen können von jemand produziert werden, ein Weiterer späht den Feind vielleicht aus. Und im anderen Fall verrät mir vielleicht ein Freund den Namen der attraktiven Arbeitskollegin.

Die Weiterentwicklung von Pfeil und Bogen wird vermutlich die Feuerwaffe sein und irgendwann kommen wir bei Interkontinentalraketen und Drohnen-Kriegsführung an. Im Bereich des „emotionalen Kampfes“ lautet die Entwicklungslinie vermutlich grob Telefon-Mobiltelefon-Social Networks (Internet).

Die bereits zuvor festgestellten Entwicklungen haben hier ihre Fortsetzung gefunden. Die Arbeitsteilung ist immer stärker. Wohl kaum einer von uns könnte selbst eine Atomrakete bauen, Facebook programmieren würde ebenfalls den meisten schwer fallen. Auch die Distanz nimmt zu. Die moderne Kriegsführung ermöglicht es, Menschen zu töten, die man nie zuvor gesehen hat. Partnersuchen mit Hilfe von neueren Kommunikationstechnologien zeigen einen ähnlichen Weg. Hier steigt vor allem die Effizienz und Zielgenauigkeit. Am Telefon werde ich auf die Date-Anfrage deutlich wahrscheinlicher direkt eine Antwort bzw. überhaupt eine Antwort bekommen, als per Brief und bleibe dennoch in der Distanz.

Social Networks haben zuletzt die Hemmschwelle gesenkt. Eine Kontaktaufnahme unter der Voraussetzung gemeinsamer Freunde wirkt weniger aufdringlich in Zeiten des WWW. Mehr noch: Es gibt die Möglichkeit Leute „anzusprechen“, die man gar nicht kennt. Weil man gemeinsame Interessen hat zum Beispiel. Die Digitalisierung übernimmt weitere Aufgaben, oder kann es zumindest.

In der Kriegsführung wird die nächste Stufe aller Voraussicht nach die Kriegsführung mit Drohnen sein. In dieser Arbeit soll es um ein, um im Bilde dieses Vorworts zu bleiben, Äquivalent in der Partnersuche gehen. Zunächst jedoch ein genauerer Blick auf den Status quo in Sachen Social Networks und Partnerbörsen.

Liebe Castor-Organisatoren,

ich habe da mal eine Frage: Warum plant ihr den Castor immer so, dass er am Wochenende im Wendland eintrifft? Zu der Zeit also, zu der die Demonstranten frei haben? Zu der Zeit also, zu der die Polizisten aufgrund von Wochenendschichten noch mal eine Schippe schlechter gelaunt sind? Zu der Zeit also, zu der politisch meist sonst nichts los ist und dem Castor die volle Aufmerksamkeit sicher ist?

So richtig schlau werde ich daraus nicht. Deeskalierend ist es auf jeden Fall nicht.

Randalierende Jugendliche und Emotionsfreiheit

Ich gebe zu, was in England abgeht, habe ich erst richtig mitbekommen, als es schon fast vorbei war. Und ich gebe zu, ich habe mit nicht einen der Leute dort gesprochen. Beides habe ich vermutlich mit den Verfassern vieler anderer Texte zu der Thematik gemein. Nur dass ich der Einzige zu sein scheine, der dies auch aufschreibt.

Als ich Dienstagabend das Heute Journal anschaute, kam mir ein Gedanke. Der Gedanke, dass all das zusammenhängt, was dort berichtet wird und das es falsch ist, alles einzeln zu betrachten und noch dazu jeweils in verkrustete Kausalzusammenhänge pressen zu wollen mit einer Ursache und einer Wirkung.

Es ist die selbe Diskussion, wie sie nach jedem Amoklauf stattfindet. Wo tagelang darüber diskutiert wird, ob es Computerspiele waren, ob es Mobbing war, ob es die geschiedenen Eltern waren oder was auch immer, das die schreckliche Tat ausgelöst hat. Das Ergebnis dieser Diskussionen ist immer das Gleiche: nämlich, dass es kein Ergebnis gibt. Ich glaube, dass Menschen nicht so einfach ticken, wie chemische Formeln, wo man Stoff A und Stoff B zusammenkippt und Stoff C heraus kommt.

Und genau deshalb hängt alles zusammen. Ich halte es für falsch zu sagen, in England werden Schwarze häufiger kontrolliert und die Jugend hat Probleme einen Job zu bekommen – das sind die Gründe und nun zu den Wirtschaftsnachrichten. Sicher, es mag eine Rolle spielen. Aber es setzt voraus, dass Menschen logisch handeln. Jeder, der einmal in einer Beziehung war oder es ist weiß, dass Menschen eben nicht allein logisch handeln. Wir Menschen handeln aus Gefühlen.

Als ich die Nachrichten sah und hörte kam in mir ein Gesamtgefühl auf. Wenn man so will, ein Lebensgefühl. Das Gefühl, wie sich das hier und jetzt anfühlt. Und es ist ein verdammt seltsames Gefühl, für das ich gar keine Worte finden kann. Man fühlt, hier und jetzt zu leben, inmitten einer Finanzkrise, von der ich selbst, um ehrlich zu sein, nur aus den Nachrichten erfahre. Inmitten einer Zeit, in der in Syrien Gewalt herrscht und wir lieber die DAX-Live-Cam auf der Startseite platzieren. Inmitten einer Zeit, in der in Afrika tausende verhungern und wir darüber reden, ob Mario Götze nächstes Jahr für Dortmund noch zu finanzieren ist. All das, gewürzt mit dem Wetter und all dem, was an privaten Wünschen, Problemen und Sorgen da ist, ergibt ein Gefühl. Ein Gefühl, das ich bin – und das bestimmt, was ich tue. Und wo viele dieser Gefühle zusammen kommen, sich abmildern oder aufheizen, ergänzen oder widersprechen, entsteht Gesellschaft.

Ich habe in den letzten Tagen viele Texte zu den Randalen gelesen. Bei den meisten von ihnen kam das Kotzen in mir hoch. Ich weiß nicht, was in den Köpfen (oder Herzen) der Jugendlichen dort abgeht. Ich finde es definitiv falsch, was passiert, obwohl ich kaum weiß, was passiert. Was ich jedoch weiß, ist wie ich mich dabei fühle. Und das erschreckende ist: Mit fast jedem Bericht bekomme ich mehr Sympathie für Leute, für die ich keine Sympathie habe. Das muss ich erklären:

Wenn ich lese, dass Randale in Ägypten Freiheitskampf war, in England jedoch nur Randale. Wenn ich lese, dass die Jugend in Griechenland perspektivlos war, in England jedoch kriminell, empfinde ich das als schwarz-weiß-Denken. Wenn gefordert wird, mit aller Härte „diese Jugendlichen“ ruhig zu stellen, empfinde ich auch das als brutal – und somit falsch. Es wird nicht deeskaliert, es wird gerächt. David Cameron sagt, er wolle einen Gegenschlag. Das ist Rhetorik wie aus dem Krieg. Und ich weiß manchmal nicht, ob England (aber nicht nur England) und der größte Teil der (deutschsprachigen) Presse, nicht tatsächlich bereit sind, einen Krieg gegen Teile der eigenen Gesellschaft, diesmal der Jugend, zu führen. “Teile unserer Gesellschaft sind nicht nur kaputt, sondern krank“, sagte Cameron. Und das ist der Punkt, in dem auch ich mich angegriffen fühle. An dem ich Angst habe. An dem ich denke: Hört denn keiner mehr zu?

Es ist ein Gefühl – wie ich bereits sagte. Es muss nicht rational sein, es muss nicht einmal richtig sein. Aber ich denke, und das ist eine rein persönliche Meinung, dass wir alle mehr auf unsere Gefühle achten müssten.

Ein Zeit Online Artikel hat mich besonders gestört und letztlich dazu motiviert, dies hier zu bloggen. In dem Artikel schreibt Khue Pham (überraschender Weise ausgerechnet Jung-Redakteurin) einiges von dem, was ich weiter oben bereits als störend empfunden habe.

So lese ich etwa:

„Die israelischen Jungen sagten: Wohnung, und die Regierung sagte: Nahostkonflikt. Die ägyptischen Jungen sagten: Arbeit, und die Regierung sagte: Stabilität.“

Mir fallen mehrere Sätze ein, die darauf hätten folgen können:

  • Die europäische Jugend sagte Emotionen, und die Regierung sagte: Wirtschaftswachstum.
  • Die europäische Jugend sagte Unterhaltung, und die Regierung sagte: Krise.
  • Die europäische Jugend sagte weltweites Zusammenwachsen, und die Regierung sagte: Vier Wochen warten und dann doch noch in Libyen eingreifen.
  • Die europäische Jugend sagte Familie, und die Regierung sagte: Scheidungsrecht.

Vieles wäre möglich. Ein Satz zu Europa oder Großbritannien in diesem Format bleibt aber aus. Es gibt keine Gründe – es ist unvernünftige Gewalt. Das wird suggeriert.

Immerhin findet sich etwas später der Satz:

„Man findet auch gewisse Parallelen zu der Situation der Jungen in Tunesien, Ägypten, Israel, Griechenland und Spanien: das Gefühl von Ausgrenzung, das Misstrauen in staatliche Institutionen, die Vernetzung durch neue Medien“.

Kurz vor Ende heißt es „Wer will, dass es nicht so endet wie in London, der muss mit den Jungen sprechen und ihnen zuhören“. Genau das scheint aber kein Autor gemacht zu haben. Und seien wir ehrlich: Wo hört man wirklich der Jugend zu? Es werden auch in Deutschland Debatten zu Internetpolitik geführt, die gegen die Jugend gerichtet sind, sie unter Pauschalverdacht stellen. Mit ihnen wird kaum gesprochen, mit ihnen entschieden ohnehin nicht. Zur Zeit, zu der die mittlerweile zurückgenommene AKW-Laufzeitverlängerung diskutiert wurde, entschieden keine jungen Leute. Die standen jedoch auf der Straße, weil sie mit dem Atommüll noch deutlich länger leben müssen.

Er [gemeint ist der, der zuhört] muss ihnen helfen, ihr Versprechen umzusetzen.“, heißt es im Folgesatz. Warum? Weil wir Jugendlichen (ich schreibe wir, weil ich mich angesprochen fühle) zu dumm sind? Warum?

Der Zeit Online-Artikel schließt mit der Feststellung:

„Die einen wollen Freiheit und Gerechtigkeit, die anderen Krieg und Flachbildschirme.“

Dieser Satz schmerzt. Wir machen es uns zu einfach, wenn wir beschimpfen, was wir nicht mögen. Wenn wir für dumm oder böse erklären, wer nicht tut, was wir für richtig halten. Aber der Satz schmerzt noch aus einem anderen Grund. Ich glaube, die Proteste haben alle sehr wohl einen gemeinsamen Nenner. Ob der berechtigt ist oder nicht, ist eine ganz andere Frage. Und ob das stimmt, was ich nun abschließend schreibe, kann ich auch nicht belegen. Es ist meine ganz persönliche Meinung.

Ich glaube, es geht im Kern nicht um Wohlstand. Es ging auch bei den Protesten in Nordafrika nicht in erster Linie um Meinungsfreiheit. Es geht um Emotionsfreiheit. Die Menschen wollen nicht zwangsläufig sagen „ich finde dies und das schlecht“. Sie wollen sagen „ich bin unglücklich“. Und was sie wollen, ist das gleiche, was wir Menschen immer wollen: Aufmerksamkeit, Verständnis und Liebe. Das wir mit unserem Streben danach häufig genau das Gegenteil erreichen, ist leider Gottes urmenschlich.

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Angst als journalistische Triebfeder

In den letzten Tagen wurde ich gehäuft von Freunden gefragt: Warum macht ihr Journalisten so etwas? Warum berichtet ihr so reißerisch über Themen? Warum bringt ihr alle paar Minuten ein Update zu einem Sachverhalt, obwohl es gar nichts Neues gibt? Warum schreibt ihr Themen wie EHEC oder E10 hoch, so dass nachher Verwirrung, Angst und Panik herrschen?

Dazu kann ich nur jedes Mal sagen: Auch mir geht dies häufig auf den Sack. Und eine definitive Antwort auf diese Fragen kann ich auch nicht geben. Aber ich habe eine These. Sie lautet: In den Redaktionen herrscht Angst. Mehr noch: Es herrscht blanke Panik!

Die Angst resultiert in Teilen aus Unwissen und Konzeptlosigkeit. Viele Verlage scheinen noch immer nicht zu wissen, wie sie im Jahr 2011 mit Journalismus viel Geld erwirtschaften können. Dabei liegt in diesem Punkt meiner Meinung nach häufig gar nicht das Problem, vielmehr müsste man auf der Ausgaben-Seite reagieren. Dies wird aber immer nur mit Personalabbau verwirklicht, welcher letztendlich wieder zu Qualitätsverlust führt. Doch das ist hier nicht das Thema.

Geld kommt – gerade im Internet – fast ausschließlich, wenn auch indirekt, durch Aufmerksamkeit zustande. Das bedeutet beim vollkommen an der wirklichen Aufmerksamkeit vorbeigehenden Messkriterium „Page Impressions“ natürlich: Klicks.

Die sind leicht messbar. Und durch sie und das Internet im Allgemeinen ist die Konkurrenz ungleich größer geworden. Die Frankfurter Rundschau steht nicht mehr nur in Konkurrenz zur FAZ. Sie steht auch in Konkurrenz zur New York Times und zum Guardian. Sie steht in Konkurrenz zu Al Jazeera und BBC. Mehr noch: Sie steht in Konkurrenz zu YouTube, Facebook, Twitter und einer nicht enden wollenden Anzahl von Blogs. Aber nicht nur das: Wurde früher eine FR verkauft, war das quasi eine Flatrate. Doch dank Klicks steht die FR auch intern in Konkurrenz mit sich selbst. Der Sport zur Politik, die Wirtschaft zur Kultur. Und plötzlich wird es doppelt wichtig, welche Redaktion welches Thema behandelt.

Aber ich glaube das Problem mit uns Journalisten wiegt noch tiefer. Geld ist nur ein Vorwand, außer vielleicht bei den Verlegern oder der Redaktionsleitung. Es geht einfach nur um Aufmerksamkeit. Wir wollen beachtet werden. Wer schreibt, will gelesen werden. Dieser Wunsch und die Angst, dass es nicht der Fall ist, sind vermutlich so alt, wie der Journalismus selbst. Heute haben wir jedoch das Gefühl, ständig gezeigt zu bekommen, dass wir nicht oder weniger beachtet werden.

Ich weiß nicht, ob Journalismus „früher“ wirklich besser war. Dafür lebe ich schlichtweg nicht lange genug. Ich würde fast annehmen, dass es wie bei allem Historischen ist: Es wird im Vergleich zum jetzt glorifiziert. Ich weigere mich allerdings zu glauben, dass Journalisten nicht stets ein wenig die Welt retten wollen. Doch bereits in der Ausbildung wird jeder Spruch, der in diese Richtung geht, von den Alteingesessenen belächelt. Vielleicht sind sie bereits desillusioniert.

Das Tagesgeschäft ist nämlich, dass eine große Anzahl von Journalisten täglich irgendwo in der Pampa steht, um über irgendetwas zu berichten, was morgen schon wieder vergessen wird. Dass sie mit irgendwelchen Leuten reden müssen, die genauso wenig Lust auf ein Interview haben, wie der Journalist selbst. Und dass sie dafür, mal mit Recht, mal mit Unrecht, mal direkt und mal stellvertretend als „schmierige Schreiberlinge“ bezeichnet werden, nur um 10 Minuten später schon als „Tragende Säule der Demokratie“ geadelt zu werden.

Beides ist richtig. Weil jeder Beruf, aber auch jeder Mensch, sein Engelchen und sein Teufelchen auf der Schulter sitzen haben. Der Unterschied im Journalismus, ähnlich wie in der Politik, ist jedoch, dass beide der kleinen Begleiter ihrem Träger dazu verleiten, Aufmerksamkeit zu erlangen. Aufmerksamkeit für das Blatt oder für die eigenen Themen, um etwas zu verbessern. Und Aufmerksamkeit für sich selbst, um so etwas wie ein Danke zu hören. Auch wenn dieses Danke „viel geklickt“ heißt.

Im Grunde wollen wir nämlich alle nur geliebt werden. Und wer nicht geliebt wird, will wenigstens gehasst werden. Die emotionale Bindung, die bei diesen beiden Gefühlen entsteht, ist nämlich gar nicht so verschieden.

Und was wäre nun die Lösung? Vermutlich die, die in fast allen Lebensbereichen gilt: Wir alle, sollten uns und das Leben nicht immer so verbissen sehen. Beide Seiten müssten sich gegenseitig nur etwas mehr vertrauen und etwas mehr versuchen zu verstehen. Kurzum: Etwas mehr lieben.

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Bundestag-Entscheidung zur PID: Nicht legitimiert

Nur selten gehen die politischen Meinungen so weit auseinander, sind dermaßen gegensätzlich und unvereinbar wie im Fall der Präimplantations-Diagnostik, kurz PID. Verbieten oder erlauben – dazwischen gibt es nichts. Daher sind auch die Parteien intern uneins. Diese Woche wird im Bundestag über drei Gesetzesentwürfe diskutiert. Alle Fraktionen haben angekündigt, dass es bei der Abstimmung im Bundestag keinen Fraktionszwang geben wird. Das klingt vernünftig, zeugt aber von Arroganz. Schlimmer noch: Es nimmt dem Bundestag die Legitimation in dieser Frage.

Richtig ist: Genau genommen gibt es nie einen Fraktionszwang. Abgeordnete sind nur ihrem Gewissen verpflichtet. In der Praxis sieht dies jedoch anders aus: Meist stimmen die Fraktionen geschlossen ab. Und das ist auch gut so. In einem Parlament, in dem die Hälfte der Abgeordneten über die Zweitstimme, sprich über Stimmen für Parteilisten gewählt ist, braucht der Bürger Orientierung. Nur so kann er entscheiden, wen er delegiert, ihn zu vertreten.

Dies ist im Falle der PID nicht gegeben. Das ist nicht zwangsläufig tragisch, keiner erwartet hier Einstimmigkeit. Doch das Problem bliebt: Der Wähler weißt nicht, wie der von ihm gewählte Vertreter entscheidet. Kurz gesagt: Der Bundestag ist für diese so tiefgreifende Frage, die sich letztlich auf die Fragen „Was ist Leben?“ und “Was ist lebenswert?” herunter brechen lässt, nicht ausreichend, nein: gar nicht legitimiert. Und: Egal wie die Abstimmung ausgeht, sie wird einen Riss in der Bevölkerung hinterlassen.

Um dies zu verhindern, gibt es nur einen Weg: Es muss eine andere Gruppe entscheiden. Eine, die wirklich legitimiert ist. Wenn es überhaupt eine solche Gruppe geben kann, dann ist es die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Sie muss sich eine Meinung bilden und dieser ohne Zwischenstufe Ausdruck verleihen. Das nötige Instrument dazu heißt: Volksbefragung.

Gefordert wird die in diesem Punkt aber nicht. Es will sich einfach keiner wirklich den Schuh anziehen, über die PID zu entscheiden. Das allein ist eigentlich auch schon Statement genug.

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Eurovision Song Gedönx: Früher war alles besser…

Gerade schwelge ich in Kindheitserinnerungen. “Ach das Lied gab es doch auch mal beim Grand Prix” (so hieß das früher!). “Und jo, wie hieß noch mal das eine da beim Vorentscheid?” Für alle die jünger als ich sind und nur Lena kennen, oder die, die auch mal in Erinnerungen schwelgen wollen: Hier 10 absolute Klassiker. Natürlich nicht von 1-0, sondern von 1. Punkt bis 12 Punkte sortiert. Und ja: Die Bild-Qualität ist teilweise nicht so pralle. Ist ja von damals, gel ;)

1 Punkt geht an:
Scooter mit Jigga, Jigga.
Richtig, Scooter sind 2004 zum Vorentscheid angetreten. Genauso wie einige andere bekannte deutschen Künstler. Zum Glück setzte sich Max Mutzke durch.

2 Punkté gehen an:
Sürpriz mit Reise nach Jerusalem
Im Vorentscheid eigentlich nur zweite, aber wegen Plagiats nachgerückt. Und dann direkt Dritte geworden. Eines der besten deutsche Ergebnisse ever.

3 Punkte gehen an:
Alf Poier mit Weil der Mensch zählt
Zum Glück ist die Anmoderation mit im Video, die erklärt alles.

4 Punkte gehen an:
MeKaDo mit Wir geben ‘ne Party
Was aussieht wie eine Mischung aus Robin Sparkles und TicTacToe ist der erfolgreichste deutsche Song der 90er (zusammen mit Sürpriz). Der Text ist so naja, die Melodie war schon damals gleichzeitig Revival und der Zeit voraus.

5 Punkte gehen an:
Die Gerd Show mit Alles wird Gut
Als Politik noch lustig war, machte auch der ESC noch mehr Spaß. Seriöse Musik? Pffft! Und der Obama Spruch “Yes we can” wurde auch schon vorweg genommen!

6 Punkte gehen an:
Ich Troje mit Keine Grenzen
Polen singen auf Deutsch. Die Meinung ist gespalten. Der Text aber gut. Hätte von Udo Lindenberg sein können. Ich mag das Lied jedenfalls.

7 Punkte gehen an:
Leon mit Blauer Planet
DIESES LIED HAT WIRKLICH DEN VORENTSCHEID GEWONNEN! Hat aber nicht viel geholfen. Die Internationale Jury schmiss es dennoch vorher raus: Zu schlecht, Song Contest ohne Deutschland!

8 Punkte gehen an:
Zlatko mit Einer für Alle
Wer denkt es geht nicht schlechter als Leon, hat sich geirrt. Dies hier ist der absolute Tiefpunkt, an den ich mich in der ESC-Geschichte erinnern kann. Ex Big Brother-Bewohner Zlatko trifft keinen einzigen Ton (oder?). Unbedningt bis zum Ende schauen, das Pfeifkonzert ist ebenfalls legendär.

10 Punkte gehen an:
Walters & Kazha mit The War Is Not Over
Nach dem Schock der doppelten Dröhnung aus Zlatko und Leon werfe ich die beiden in das Rennen. Im Nachhinein ziemliche Justin Biebers, aber den kannte man damals noch nicht. Gewonnen hat der Song 2005 auch nicht. Für mich dennoch der beste Titel an den ich mich erinnern kann.

12 Punkte gehen an:
Guildo Horn mit Guildo hat euch lieb
Seien wir ehrlich: Ohne Guildo wäre der Song Contest nichts! Erst dieser Auftritt hat den Wettbewerb aus der Schlagerecke in die Event-Schiene gebracht. Erst der Nußecken-Kult überhaupt Grand Prix-Fieber in Deutschland ausgelöst und den Wandel ermöglicht. Und geil war es auch!