Vortrag bei der Social Media Week Hamburg

Allen Hamburgern und allen Besuchern der Social Media Week Hamburg ein kurzer Hinweis in eigener Sache:

Am Dienstag, den 19.02. bin ich beim Pannel “Öffentlichkeit im Wandel – Next Media” dabei und halte für 30 Minuten einen kurzen Vortrag zum Thema “Next Media Players”.

Inhalt: Verlage in der Krise, öffentlich-rechtliche Anstalten unter Expansions-Auflagen: Für wen arbeitet der Journalist in Zukunft? Eine mögliche Antwort: für seine eigene Firma. Der neuen Generation Journalisten werden immer mehr Fähigkeiten ans Herz gelegt. Das umfasst nicht nur Kenntnisse in den Bereichen Fotografie, Bildbearbeitung, Schnitt und Programmierung, sondern auch Wissen über Unternehmensführung, PR und Businessplanung. Das klingt zunächst einmal nach deutlicher mehr Belastung, kann in der Praxis aber auch bedeuten, mehr Freiheiten zu haben, das zu tun, woran man Spaß hat und statt um den Job zu bangen, sogar Jobs zu schaffen.

In diesem Teil der Veranstaltung sollen einige Beispiele für innovativen, unternehmerischen Journalismus vorgesellt werden und ein Blick auf die mögliche zukünftige Job-Struktur für Journalisten geworfen werden.

Mehr zum Vortrag und die Möglichkeit sich anzumelden findet ihr hier.

Leistungsschutzrecht für ARD und ZDF?

Ganz ehrlich, hierauf komm ich noch immer nicht ganz klar. Kurz zum Sachverhalt: Die Axel Springer AG, genauer die TV Digital, hat am Freitag eine Pressemitteilung versendet. Darin werben sie stolz für ihre neue TV Digital iPad-App. Der besondere Clou daran: Mit ihr kann man auch Live-TV via Stream sehen. Ermöglicht wird das durch eine Kooperation mit dem Stream-TV-Anbieter Zattoo.

Soweit so gut. Aber abgesehen davon, dass man einen Zattoo-Account dafür braucht und dass dieses Angebot, wie ich mir sagen ließ, zumindest in sehr ähnlicher Form bereits vorher bestand, hat es einen großen Haken:

Mangels Kooperationen bietet Zattoo nämlich weder die RTL- noch die ProSiebenSat.1-Sendergruppe an. Die auch von Axel Springer beworbenen “51 Sendern aus Deutschland und dem Ausland” bestehen überwiegend aus ARD, ZDF, deren Digital-Kanälen und den Dritten. Dafür verlangt die TV Digital im Monat 89 Cent.

Heißt mit anderen Worten: Axel Springer verdient Geld damit, das Programm der Öffentlich-Rechtlichen zu vertreiben. Die Firma, die die Digital-Kanäle und den neuen Rundfunkbeitrag scharf kritisiert, will mit eben jenen Digital-Kanälen und dem gebührenfinanzierten TV Geld machen. Die Firma, die ein Leistungsschutzrecht haben will, weil sie behauptet, Google würde mit ihren Inhalten (Auszüge von Texten) Geld machen, will Geld mit den Inhalten von ARD und ZDF machen.

Die Moral muss man mir erst noch erklären…

Update 23.01.13
Christoph Keese von Springer hat via Twitter bezugnehmend auf den Beitrag oben etwas geantwortet:

Der doppelte Littger im Bildblog – oder warum sich Diskussionen im Kreis drehen

Ich hatte schon immer die These, man müsse nur etwas über die Zukunft der Presse in Thesen packen, das schon jeder x-mal gehört hat und wird in der Branche gefeiert, weil “es endlich mal wer sagt.” Diese These ist heute belegt worden:

Den bei 6vor9 im Bildblog ist heute der erste Link: Peter Littger mit fünf Reformvorschlägen für die Verlage. Erschienen ist der Text bei Vocer. Vor einer Woche ist der identische Text bereits bei Meedia erschienen (Vocer kennzeichnet ihn als “Crosspost”). Bereits vor einer Woche war der Text im Bildblog in der Kategorie 6vor9 verlinkt. Sieben Tage später ist der Beitrag offenbar wieder lesenswert.

Man kann nun entschuldigend dabei sagen, dass die Links derzeit von täglich anderen Schülern der DJS gesammelt werden. Aber eigentlich sollten die dennoch schauen, was die Kollegen bereits veröffentlicht haben.

Sei es drum: Die Texte (bzw. der Text) wird sicher ein Klickbringer. Und so diskutieren wir weiter die Zukunft, statt sie zu kreieren.

Wie Medienhäuser Vertrauen an Anzeigekunden verkaufen

Seit einigen Tagen erhalte ich das „Handelsblatt Morning Briefing“ per E-Mail, mit persönlicher Anrede und Gruß des Handelsblatt-Chefredakteurs Gabor Steingart. Ich könnte kotzen. Nicht weil das „Morging Briefing“ schlecht ist – ich hab es ehrlich gesagt noch nie gelesen. Auch nicht, weil ich etwas gegen das Handelsblatt oder Herrn Steingart habe. Ich könnte kotzen, weil ich diesen Newsletter nie bestellt habe. Und weil man mit mir als Empfänger Geld macht. Und weil das Ganze symptomatisch ist.

Wie kommt es, dass ich diese tägliche E-Mail bekomme, von der ich bislang zu bequem war, sie abzubestellen? Vermutlich hat das Handelsblatt meine E-Mail-Adresse gekauft, als es die Abo-Datei der Financial Times Deutschland erwarb. Ich hatte mal ein Probe-Abo der FTD und ich meine mich zu erinnern, dass ich seitdem in unregelmäßigen Abständen per Post und E-Mail eingeladen wurde, die FTD wieder zu beziehen. Vermutlich habe ich damals meine E-Mail-Adresse angegeben oder angeben müssen, wobei ich da eigentlich eher eine andere angegeben hätte, als die, auf die ich jetzt die Mails bekomme. Ehrlich gesagt erinnere ich mich nicht mehr genau. Es ist bereits einige Jahre her. Vielleicht hat man meine Adresse auch irgendwo anders her und will nur, dass ich es in Verbindung zur FTD sehe. Ob ich auch per Brief etwas vom Handelsblatt erhalten habe, weiß ich nicht. Die damals angegebene Wohnung bewohne ich nicht mehr.

Von der FAZ und dem Spiegel erhielt ich auch lange Zeit immer mal wieder E-Mails, die mir für die Teilnahme an einer kleinen Umfrage ein ermäßigtes Abo anboten. Die E-Mail-Adresse im Fall der FAZ: Eventuell über ein Probe-Abo dort. Im Fall des Spiegels: Keinen blassen Schimmer.

Ein weiteres Beispiel seltsamer Mails: Vor noch nicht langer Zeit bekam ich eine E-Mail-Adresse @meedia.de, da ich für die Branchenseite bekanntlich seit August schreibe. Mit der Adresse trug ich mich in ein paar Newsletter gängiger Branchendienste ein und schrieb bislang vorwiegend mit den Pressestellen einiger Medienhäuser. Und dennoch habe ich auf dieser Adresse schon ein paar Spam-Mails bekommen – thematisch grob passend, also keine typischen Viagra-Mails. Aber auch keine E-Mails, die von bisherigen Gesprächsteilnehmern versendet wurden.

Entweder hat also jemand aus einen der namentlich gekennzeichneten Beiträge von mir von Hand oder mit einem etwas komplexeren Skript die E-Mail-Adresse abgesaugt, oder einer der Branchendienste oder Medienhäuser hat die Adresse weitergegeben.

Ich bin es gewohnt, dass ich auf meine private Dienst-E-Mail-Adresse (also diejenige, die ich als freier Journalist außerhalb fester Auftraggeber verwende), E-Mails bekomme, die man grob als „Presseinfo“ einsortieren kann. Meist kann man die Nachrichten getrost ignorieren, aber da man sich zumindest damit auseinander gesetzt zu haben scheint, was ich thematisch so beackere und da es bislang keine Überhand genommen hat, ist das noch in Ordnung. Immerhin habe ich auf meiner Website die Adresse selbst hinterlegt, so dass man Kontakt mit mir aufnehmen kann.

Dass aber Medienunternehmen Adressen kaufen oder verkaufen finde ich schlimm. Sie sollen Vertrauen schaffen, vertrauensvoll sein – und keine Datenkralle. Vor allem das “Morning Briefing” ärgert mich.

Da sind nämlich auch Anzeigen eingebaut, die das Handelsblatt mit seiner Reichweite vermarktet. In den Mediadaten stehen zu den Anzeigen im Newsletter zwar keine genauen Angaben, in Beispielrechungen ist der besagte Morning-Newsletter jedoch in Paketen enthalten und kostet den Werbetreibenden dort für 2 Wochen zwischen 6.300 Euro und 8.820 Euro. Erwartete Ad Impressionen: 2.400.000. Da ich den Letter jedoch nie bestellt habe, will ich nicht als Ad Impression vermarktet werden!

Und deshalb werde ich das Dingen nun mal abbestellen!

Wenn Verlage sich über das Kleingedruckte beschweren…

Zunächst in drei Sätzen, worum es geht: In der zurückliegenden Nacht hat Apple mal eben ohne Absprache die Preise der Apps angepasst. Davon sind auch die deutschen Magazine wie der Spiegel betroffen, die nun mehr kosten. Das gefällt denen natürlich so gar nicht.

Den Sachverhalt habe ich heute auf Meedia zusammengefasst und dort später auch über die Stellungnahme der Verlegerverbände geschrieben. Am Wochenende kommt voraussichtlich noch ein Kommentar zum Thema (Nachtrag: Hier ist der Beitrag nun online), weshalb ich hier nicht zu viel vorweg nehmen will.

Gerade jedoch las ich diesen Text im Redaktionsblog des Spiegel. Dazu muss ich einfach einen Kommentar loswerden und da ich mich dafür nicht erst anmelden will, mache ich es hier im Blog.

Zunächst einmal: 5534 Zeichen ohne Absatz? Geht’s noch? Der Text lässt sich kaum lesen. Aber offenbar hat sich jemand in Rage geschrieben. Leider auch argumentativ. Denn so sehr ich den Ärger verstehe und so sehr ich dabei bin, wenn man sagt, diese Aktion von Apple ist eine Frechheit. Legitim ist sie dennoch.

Was geht es Apple an, wieviel der SPIEGEL von seinen Lesern für die Lektüre seiner Inhalte verlangt? Wer gibt der Firma das Recht, den Preis zu bestimmen?

Ihr gebt der Firma das Recht, und zwar, als ihr die AGBs angenommen habt. Die Frage ist natürlich legitim, aber ist es nicht arg scheinheilig sich erst darüber aufzuregen, dass Apple bestimmen kann wie_viel der Spiegel kostet, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist? Etwas später heißt es:

Der Fall zeigt noch einmal anschaulich, wie die dominierenden Anbieter im Onlinegeschäft heute ihre Marktmacht durchsetzen – und das amüsanterweise in einer Woche, in der wir genau das am Beispiel von Google in unserer Titelgeschichte beschrieben haben. Ein Titel übrigens, der dem SPIEGEL aus Teilen der so genannten kritischen Netzöffentlichkeit die übliche reflexhafte Schelte und Kampagnenvorwürfe einbrachte. Unser Blatt berichte zu häufig und zu kritisch über den US-Konzern, hieß es

Eben, amüsanter_Weise über Google. Wie viele kritische Google-Titel gab es beim Spiegel? Und wie viele kritische Apple-Titel? Ich erinnere mich an 1 1/4 (Der iKult, der so semi-kritisch war, und die Geschichte mit Google, Apple, Facebook und Amazon). Wenn die Bevormundung in AppStore und iTunes so skandalös ist (eine Einschätzung, die ich durchaus teile), warum dann das Thema nicht mal richtig thematisieren? Stattdessen wird gekuschelt und gibt es im Schwestermedium Spiegel Online jedes Mal, wenn Apple ein neues Telefon auf den Markt bringt, einen ausufernden Live-Ticker. Ja, man wirbt schon mit allen Mitteln um die Paid Content-mögende Braut Apple, bis man auf einmal merkt, dass man von ihr nur ausgenutzt wird. That’s life – but not journalism.

Im weiteren Verlauf des Textes wird dann überwiegend gejammert und noch mal, weil man ja gerade sauer auf Apple ist, auf Google geschimpft (böser Konzern, will, wenn er für Snippes zahlen muss, auf diese verzichten). Zuvor heißt es noch:

Medienhäuser produzieren nun mal keine Schrauben oder Angry-Birds-Fortsetzungen. Sie liefern Informationen, Zusammenhänge, Nachrichten. Sie sind ein relevanter Baustein jeder funktionierenden Demokratie.

Danach wird aus dieser Argumentation geschlussfolgert, dass sie auch ihre eigenen Preise bestimmen müssten, um ökonomisch unabhängig zu sein. Ist nicht falsch, führt aber wieder zur Frage: Warum stimmt ihr dann den AGB zu? Und lässt man – wie im Zitat hier – den Ökonomie-Teil weg, ist diese Argumentation übrigens ein super Plädoyer für kostenlosen Content (der logischer Weise auch nicht teurer wurde).

So war’s das? Ach ja, eine Sache wäre da noch:

Klar lässt sich argumentieren: Wem’s im App-Store nicht gefällt, kann ja zu Googles Android

Nein, es lässt sich auch argumentieren: Dann macht Online-Journalismus. Abrufbar im Browser! App-Denken, ist digitales Print-Denken. Und jetzt gute Nacht. In doppelten Sinne.

Hinweis: Auch wenn ich mich hier am Spiegel abarbeite – weil der Blogbeitrag halt von den Hamburgern stammt – muss die Kritik für die ganze Branche gelten.

Gefühlspluralität oder: Warum Kaffeemaschinen uns in die Diktatur treiben…

1. In der kanadischen Serie Continuum wird das Szenario einer Zukunft skizziert, in der Konzerne die Regierung übernommen haben. Weil die gewählte Regierung ihre Schulden nicht mehr begleichen konnten, bekamen große Firmen Macht als Schuldenerlass. Die Menschen in dieser Zeit können ein gutes Leben führen, gleichsam sind sie nie wirklich (schuld)frei, da die Regierungsunternehmen sie direkt oder indirekt zwingen, ihre Produkte zu kaufen. So ist ihre Macht und die Abhängigkeit der Bürger fixiert.

2. Eine Bekannte erhielt an diesem Wochenende eine neue Kaffeemaschine, die mit Pads arbeitet.

Was diese beiden Dinge miteinander zu tun haben? Natürlich erst einmal nichts. Und doch lässt sich daran etwas interessantes beobachten. Wir leben in einer größtenteils freien Marktwirtschaft. Interesse an Vielfalt haben wir jedoch, besonders in letzter Zeit, immer weniger. Da wäre die Kaffeemaschine, die den Nutzer zwingt, zum Betrieb weiter Produkte der Firma zu kaufen. Da wären eine ganze Reihe an Computern, deren Aufrüstung mit weiteren Programmen (Apps) weiter Geld in die Kasse der Hersteller (at least des Betriebssystems) spült. Amazon gibt sogar offen zu, dass sie nicht mit dem Verkauf ihrer Hardware Gewinn machen wollen, sondern durch die Kosten, die bei deren Nutzung für die Menschen entsteht.

Wo wir können, höhlen wir die freie Marktwirtschaft aus. Und das anders als in Continuum, ganz immanent, im Rahmen der freien Marktwirtschaft.

Bequemlichkeit, Prestige, Spaß. Das sind einige der Gründe dafür, dass wir mitunter äußerst unökonomisch handeln. Zumindest, wenn man unser Handeln in den mittel- und langfristigen Kontexten sieht. Wir handeln nicht logisch, sondern von Gefühlen gelenkt. Das ist nicht zwingend schlecht, das ist sehr menschlich. Wir haben zwar einen Verstand, aber ob wir glücklich sind oder nicht, bestimmt nicht die Logik. Und viele Entscheidungen beruhen auf Gefühlen, die dann vordergründig mit Logik begründet wird: Wir ziehen uns auf die Logik zurück, weil uns der Gedanke, nein das Gefühl, Angst macht – aus Emotionen zu handeln. Ob das Angst machen sollte, weiß ich nicht.

Doch was sagt uns das alles? Das sagt uns erstens, dass es den Homo Oeconomicus nicht gibt. Und damit freie Marktwirtschaft so nicht langfristig funktionieren wird. Aber erzähl mir was Neues ;) . Es sagt uns auch, dass ein großer Teil der Werbung, nämlich der, der an die Logik appelliert, am Ziel vorbei schießt.

Was aber bedeutet das alles für den Journalismus? Es bedeutet, dass wenn wir wirklich objektiv berichten wollen, wir nicht meinungsneutral, sondern gefühlsneutral berichten müssen. Und das wir nicht nur eine Meinungspluralität brauchen, sondern auch, dringend und endlich, Gefühlspluralität – gerne auch bei einer Tasse Kaffee ;)

Das journalistische Perpetuum mobile

Mit gewissem Ärger verfolge ich in den letzten Tagen die Berichterstattung zum Burda-Heft „Treat“. Für alle, die nicht mitbekommen haben, was das ist: Es handelt sich um ein Lifestyle-Magazin, dass von Schülern der Burda-Journalistenschule erstellt wurde. Es wurde vom zur Schule gehörenden Verlag nun in einer Auflage von 50.000 Exemplaren produziert und wird ab heute verkauft.

Soweit so gut. Mich persönlich spricht das Heft nicht an, was aber nicht bedeutet, dass es handwerklich keine gute Arbeit ist. Was mich stört, ist der Hype rumherum. Natürlich hat Burda die PR-Maschine angeschmissen. Und nun berichten verschiedene Mediendienste nicht nur, dass es das Heft gibt, sondern liefern gleich wohlwollende Blattkritiken dazu inklusive der wenig überraschend lobenden Worte der Schulleiter aus der Pressemitteilung.

Nun bin ich natürlich parteiisch, dennoch finde ich, es steht in keinem Verhältnis, wie dieses Pressecho im Vergleich zu dem ausfällt, welches entsteht, wenn in meinem (mittlerweile ehemaligen) Studiengang Online-Journalismus in Darmstadt ein Projekt publiziert wird. Das wird dann von den „Großen“ der Branche nämlich gar nicht beachtet. Und das liegt nicht daran, dass keine Pressemitteilungen verschickt würden. Und es liegt auch nicht dran, dass die Projekte schlecht wären.

Unser iPad-Magazin ausgespielt wurde mehrere hundert Mal herunter geladen und ist noch immer mit voller Anzahl an Sternen auf iTunes bewertet. Das im Halbjahr davor erstellte Online-Special „Eurozone Ostend“ ist für den Ernst-Schneider-Preis nominiert. Hervorzuheben aus jüngster Zeit sind zum Beispiel auch das „Fupp-Magazin“ für Kinder oder das Wissenschafts-Magazin „Grauzone“, an denen ich nicht selbst beteiligt war.

Was all diese Projekte unterscheidet von dem, was Axel-Springer-Akademie, Burda-Schule und Co. publizieren? Neben dem Presseecho ist es vor allem eines: Hier wurde viel mehr selbst gemacht. Und gerade das ist in Zeiten wie den derzeitigen, wo es auch darum geht ökonomisch denken zu können, besonders wichtig, wenn man mich fragt. Nehmen wir „ausgespielt“: Hier haben wir Studis alle Videos selbst gemacht, den Großteil der Bilder selbst gemacht, natürlich alle Texte geschrieben. Wir haben aber auch das Design erstellt und die technische Umsetzung verwirklicht. Auch organisiert haben wir uns selbst. Kurz zuvor gab es auch eine iPad-App der Axel-Springer-Akademie. Hoch gelobt – technisch umgesetzt von einer Agentur.

Oder legen wir die beiden Hefte der h_da, Grauzone und Fupp neben Treat. Bei den Darmstädter Werken wurde nicht nur viel Arbeit in inDesign verwendet. Es musste auch Verlegerische Logistik geleitet werden: Es wurde nach einer geeigneten Druckerei gesucht, es wurde die Finanzierung organisiert- alles von Studierenden. Probleme, die die Schüler der Burda-Schule kaum gehabt haben dürften. In einen der Beiträge zum Heft heißt es:

„Treat hatte mit Alexander Axzél (u.a. GQ, Park Avenue) einen renommierten Art Director an Bord, die Fotoshootings übernahmen u.a. Gabo, Maurice Weiss und Marcus Höhn.“

Und ich würde auch bezweifeln, dass die Nachwuchskräfte Eva Padberg als Cover-Model hätten gewinnen können, wenn sie sich als Studierende der Hochschule Darmstadt vorgestellt hätten. Ähnlich verhält es sich mit den Interview-Partnern von 20zwölf der Springer-Akademie. Naheliegender Weise ist hier zum Beispiel Kai Diekmann zu nennen.

Man verstehe mich nicht falsch, ich möchte die Leistung der Nachwuchsjournalisten anderer Ausbildungsstätten nicht schmälern. Vieles von ihnen habe ich sehr gerne gelesen und angeschaut und nicht selten war ich positiv erstaunt. Auch persönlich bin ich stets gut mit ihnen klar gekommen, wenn man sich begegnete. Es geht mir darum, dass die Branche und auch die Branchendienste (das kann ich auch sagen, wo ich gerade bei einem arbeite), nicht alles unkritisch hochfeiern sollten, was aus den Kaderschmieden der Republik ist. Hier wird Standard-mäßig eine große PR-Maschine in Gang gesetzt und hier verfügt man über die E-Mail-Verteiler und persönlichen Kontakte. Und natürlich ist jedes Mal ein großes Eigeninteresse dabei, immerhin will man auch Werbung für die eigene Schule machen – und nicht selten auch Hefte oder Apps verkaufen, sprich man verfolgt finanzielle Ziele.

Ich finde es gut, Werke des Nachwuchs zu präsentieren. Aber wenn man schon über das berichtet, was die jungen Kräfte in diesem Land so auf die Beine stellen, dann muss man es richtig tun. Dann muss man bereit sein, journalistische Tugend an den Tag zu legen und sich einzulesen, zu informieren, schlichtweg: zu recherchieren, was es für Ausbildungsangebote gibt, was die an praktischen Arbeiten produzieren und was davon eigen-Leistung, was vielleicht sogar Innovation ist. Sich nur von Pressemitteilungen der „Großen“ füttern zu lassen, das ist nicht journalistisch.

Klarissa Lueg hat vor einiger Zeit etwas Erschreckendes festgestellt: Gerade an etablierten Journalistenschulen herrscht eine massive soziale Auslese. Einige soziale Schichten sind dort gar nicht anzutreffen. Das ist traurig. Viele Erfahrungswerte und viele Ideen gehen so verloren. Schaut man sich an, wer in den letzten Jahren Grimme Online Awards gewonnen hat, fallen zudem einige herausragende Werke auf, die nicht von Leuten gemacht wurden, die welche der etablierten Journalistenschulen besucht haben. Mehr noch: Sie haben gar keine klassische journalistische Ausbildung. Und dennoch, oder vielleicht sogar gerade deswegen, waren sie es, die datenjournalistische und multimedial-erzählerische Elemente produziert haben, die anderen nicht in den Sinn kamen. Das sollte uns zu denken geben.

Was ich mit all dem sagen will: Die Branche, egal ob in der Berichterstattung über sich selbst, oder auch wenn es darum geht, neue Kräfte in die jeweiligen Redaktionen zu holen, sollte weniger darauf achten, woher Leute und Produkte kommen, sondern vielmehr darauf schauen, was diese wirklich leisten, was sie können. Dazu gehört es auch, über die Stadtgrenzen von Hamburg, München und Berlin hinweg zu schauen.

Ich glaube abseits der etablierten Medien und Ausbildungswege gibt es viele Menschen, die den Journalismus voran bringen können. Die nicht nur national, sondern internationale Innovationen auf den Markt bringen können. Viel zu oft kämpfen sie jedoch gegen die Windmühlen aus Seilschaften und Image, die noch aus Zeiten herrühren, in der das Internet noch nicht einmal erfunden war.

Wie gesagt, ich bin in der Sache parteiisch. Vielleicht lohnt es sich dennoch, über meine Worte nachzudenken.

Olympia im deutschen Fernsehen: Bedingt medaillenbereit

Schaut man die Olympischen Spiele auf ARD und ZDF, bekommt man den Eindruck es gibt nur zwei Arten von Sportlern: Versager und Dopingsünder. Es gibt nur Tage, die Medaillen-Regen mit sich bringen oder schwarze Samstage, Sonntage oder welcher Wochentag auch immer ist.

Besonders traurig das Ganze im Schwimmen und ich befürchte, dass es in der Leichtathletik-Berichterstattung nicht groß anders werden wird. Da fallen Sätze wie „in diesem Finale ist wenigstens mal ein Deutscher dabei“, als ob es selbstverständlich wäre, dass unter den sieben Milliarden Menschen nur sieben besser sind als der beste Deutsche – egal worin.

Natürlich ist es legitim Enttäuschungen als solche zu kennzeichnen. Und natürlich sollte die Saisonbestleistung das Ziel für Olympia sein. Aber selbst die ist nicht immer selbstverständlich. Es gibt so viel was stimmen muss. Und Faktoren, wie extrem frühe Qualifikationszeiträume oder zusätzliche Saisonhöhepunkte zum Beispiel in Form von Kontinentalmeisterschaften sind dabei nicht einmal erwähnt – wobei gerade Medien sich in Hinblick auf letztgenannte selbst kritisch hinterfragen sollten. Manchmal ist weniger mehr.

Nicht selten habe ich das Gefühl, ARD und ZDF moderieren sich bereitwillig in einen Sog. Wenn einmal etwas schlecht ist, dann ist direkt alles ein Desaster. Dramatisierungen, die man sonst eher bei der Bild vermutet, nicht beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Und dann reicht manchmal nicht einmal eine Saisonbestzeit. „Letztes Jahr war er aber schneller“ hört man. Nein, verdammt, es geht nicht jedes Jahr immer weiter nach oben, nur weil es gerade nationaler Auftrag ist.

Ein Auftrag, eingefordert von TV-Berichterstattern, die die meisten Sportler auf der Straße nicht erkennen würden und den diese weitertragen und multiplizieren auf eine Horde von Sofa-Verwachsenen, die nicht annähernd zu den Weltklasse(!)-Leistungen imstande wären, die selbst im Vorlauf erbracht werden. Schon mal überlegt, dass der überwiegende Teil der Menschheit an der Qualifikation zu den Spielen scheitert, selbst wenn er es versucht?

Das ist Deutschland: Es will mehr Medaillen als alle anderen Länder, schaut aber schon jeden Jogger im Park an, als beginge er eine Erregung öffentlichen Ärgernisses.

Warum Deutschland so schlecht sei, wie es angeblich ist, können dann aber nicht einmal Experten beantworten. Auch wenn sie lange selber Schwimmerin waren und in jedem zweiten Satz erwähnen, dass sie ja die Expertin sind. Wozu auch. Die Frage „Warum holen wir kein Gold?“ ist keine Frage, es ist ein Vorwurf. Antworten würden mitunter ja auch andere treffen, als die Sportler. Man müsste über die mangelnde Vereinbarkeit von Wettkampfsport und Beruf sprechen. Über die mangelnde Wertschätzung von Ehrenamt und Trainern. Und über die chronische Unterfinanzierung von Sportvereinen.

Aber darum soll es nicht gehen. Die Masse will unterhalten werden. Und das bitte in Hollywood-Manier: Großes Drama und am Ende gewinnen die Guten. Und das sind natürlich unsere Jungs und Mädels. Auch wenn vermutlich jetzt schon kein Schwein mehr alle deutschen Medaillengewinner beim Namen kennt. Ach was sag ich, es hat sich selbst während des Siegs des Deutschland-Achters niemand für die Namen der Ruderer interessiert. Das Ding hieß Achter, fertig.

Und weil uns kein Popcorn-Sport geliefert wird, sind eben alle Versager. Sogar mangelnder Wille wird dann vorgeworfen – wohlgemerkt auch von Leuten, die einmal die Woche eine halbe Stunde Joggen für regelmäßiges Training halten. Nein, den Athleten in London fehlt es sicher nicht am Willen. Der überwiegende Teil der Sportler ist im Amateursport tätig. Das bedeutet: Neben dem Sport wird fleißig gearbeitet, um über die Runden zu kommen. Und dennoch schinden sie sich – eben weil sie es wollen. Dabei sein. Bei Olympia.

Und weil jetzt sicher das Gegenargument Sporthilfe und Sportsoldaten kommen wird: Ja, die gibt es. Die gibt es übrigens auch in China. Da kritisieren wir sie aber als staatlich finanzierte Berufssportler.

Ohnehin liefert China eine super Hass-Vorlage. Vor wenigen Jahrzehnten noch Randerscheinung, ist das Land nun Weltmacht- auch im Sport. Eigentlich nicht wirklich überraschend bei der Bevölkerung und dem Lebensstil, den sich zumindest weite Teile des Landes erarbeitet haben. Aber nein, wir wittern überall Betrug. Schwimmt Phelps zu einem Weltrekord, ist alles sauber. Schwimmt eine Chinesin Weltrekord, kann sie nur gedopt sein.

Sicher, die Leistungen stinken mitunter gewaltig (im Übrigen über alle Nationengrenzen hinweg). Aber wir sollten aufpassen, dass das nächste 16-Jährige-Fabelweltrekord-Doping-Kind nicht aus Deutschland kommt, und von Medien und Zuschauern frenetisch als Erlösung vom Debakel gefeiert wird. Denn genau das ist es, was wir wollen: Unmenschliches. Und irgendwann werden wir dann auch unmenschliches kriegen.

Ich will es nicht. Klar, ich bin selbst auch Journalist. Bei den Spielen schlägt mein Herz aber vor allem als Sportler. Und da wünsche ich mir etwas mehr Respekt, deutlich mehr Fachkenntnis und vor allem sauberen, völkerverbindenden Sport, bei dem der Beste gewinnt.