In einigen Bundesländern sind die Abi-Prüfungen schon im vollen Gange, in anderen fangen sie in kürze an. Viel der Abiturienten werden danach sicher auf Abifahrt oder Abschlussfahrt reisen. Zu diesem Anlass habe ich einen älteren Text von mir wieder hervorgekramt, in dem ich kritisch über meine Abireise berichtet habe. Ich denke, an der Thematik hat sich in den letzten zwei Jahren nichts geändert.
System Abireise – Hab Spaß oder stirb?!
Vor kurzer Zeit habe ich meine Abi- Prüfungen hinter mich gebracht. Nun nur noch auf die Ergebnisse warten und in der Zwischenzeit das tun, was wohl jährlich mehrere tausend deutsche Abiturienten machen: Eine Abireise nach Spanien, gebucht mit einer Gruppe von ca. 30 Personen meines Jahrgangs, bei JAM!, einem der größten Anbieter seiner Art. Bereits vor der Reise wurden wir von den selbstverständlich jeden duzenden Personen umgebucht, auf ein anderes Hotel. Kurz vor unserem Abflug erfuhren wir dann von den vorgereisten Busreisenden, dass wir ein weiteres mal umgebucht wurden.
Auf der kurzen Fahrt vom Flughafen zum Hotel erzählte uns eine der Reisebegleiterinnen, die im übrigen extra in Calella arbeitet, weil ihr das „nur-Party-Leben“ in Lloret nicht gefällt, alles nötige über Gotcha, Schaumparties und Alkohol und wusste über Salvatore Dali immerhin zu berichten, dass er und seine Werke „sehr interessant“ seien…
Am Hotel in Calella angekommen bemerkte man dann, dass die Umbuchung keinerlei Unterschiede machte (Reisebegleiterin: „Ihr wurdet entweder ‚upgegradet’ oder ‚gleichgegradet’, aber auf keinen Fall ‚runtergegradet’!“), denn die Hotels arbeiten alle gleich: Ab ca. 10 Uhr gibt es Freigetränke, wenn man sich Cola- Rum bestellt, hat diese die Cola zumindest mal aus der Entfernung gesehen, so dass man hier durchaus ein Prinzip vermuten kann. Alkohol und leicht bekleidete andere Besucher(innen) sorgen für Stimmung und das 4- Bettzimmer (meiner Meinung nach ein Doppelzimmer mit 2 mühsam hineingequetschten Zustellbetten) „ist ja eh nur zum pennen da“.
Das Musterbeispiel der Belustigung war dann der Abendausflug nach Lloret. Hier wurden wir in eine Diskothek geführt, die vor unserer Ankunft noch fast leer war, was dann dank vier Busladungen betrunkener Deutscher schnell anders wurde. Natürlich spielte man typisch spanische Songs wie „Cowboy und Indianer“ oder das sehr bezeichnende „Follow the leader“. Die Krönung fand das ganze jedoch, als auf der Großleinwand statt NeunLive dann ARD lief, genau genommen eine Dokumentation über notleidende Kinder in Afrika. Die Herde bemerkte dies kaum, aber mir war die Partylust erst mal vergangen. Daher ging ich nach Draußen und nutze meine Zeit für ein Gespräch mit welchen der JAM!- Reiseleiterinnen. Mich interessierte, was man in diesem Job so verdient, bzw. warum man ihn macht. Natürlich verdiene man nur „sehr wenig“, aber es sei einfach nur „fun pur“ und „das geilste, das es gibt“, so die Antwort. Eine meiner Gesprächspartnerinnen studierte im übrigen Tourismus, aber machte grade eine Woche blau um „mal wieder hier zu sein“…
Es gab aber natürlich noch ein anderes Gesprächsthema: Sex. Bereits im Vorfeld wurden uns in unseren Reiseunterlagen ein paar wichtige spanische Sätze mitgeliefert, zu denen zum Beispiel „Komm, zieh dich aus!“ (venga, quitaté la ropa) und „Ich habe meine Periode“ (Tengo el periodo) gehörten. Und auch vor Ort wurde uns immer wieder mitgeteilt, wie gut man hier doch Leute anmachen könnte. Bei unserem Ausflug nach Lloret ging man sogar ganz selbstverständlich davon aus, dass einige die Nacht dort verbringen würden und man daher weniger Leute zurück- als hinbringen müsse. Immerhin versicherten mir die Reisebegleiterinnen, dass sie mit keinen der Leute, die sie begleiten ins Bett dürften, da sie sonst direkt entlassen würden. Daher erzählte mir eine von ihnen dann auch direkt, von wem sie sich nach ihrer Heimreise „vögeln“ lassen würde, was mich selbstverständlich ungemein interessierte.
Unter all diesen Aspekten des Wahnsinns und des hab-spaß-oder-stirb bekommt man eigentlich ein schlechtes Gewissen, wenn man sagt, dass es dennoch schön war.
Es war schön.
Erstmals erschienen am 30.05.2007 auf Opinio.de