Merkel-Interview: Wie man nicht auf Fragen antwortet

Grade las ich ein Interview mit Angela Merkel auf Bild.de. Politikerdeutsch vom feinsten und leider keine Journalisten die den Satz bringen, den ich mir in jedem Politik-Interview häufig wünschen würde: „Das beantwortet unsere Frage nicht!“. Meine Lieblingsstelle im Interview ist diese:

BILD: Wann wird die Bundesregierung große Hoffnungen auch einmal enttäuschen müssen?
Merkel: Bei allem, was wir gegen die Krise tun, behalten wir immer auch die Staatsfinanzen und die Spielräume der nächsten Generationen im Auge. Wir werden nicht alle Wünsche erfüllen können. Aber wir haben in Deutschland schon ganz andere Herausforderungen bewältigt. In diesem Jahr feiern wir 60 Jahre Bundesrepublik und 20 Jahre Mauerfall. In dieser Zeit haben wir dank unserer sozialen Marktwirtschaft den Wiederaufbau nach dem Krieg geschafft und die deutsche Einheit nach 1989 bewältigt. Wenn wir in diesem Bewusstsein, was unser Land leisten kann, anpacken, werden wir nach der Krise stärker sein als vorher.

Von dieser Frage auf Wiederaufbau, 60 Jahre Bundesrepublik, Mauerfall und deutsche Einheit zu kommen, ist schon ein heftiger Schwenk. Erinnert mich ein wenig an die Antwort auf die Frage „Was ist mit einem Terror-Anschlag?“ im Extra3-Podcast „Keine Angst vorm Atom!“. Vergleicht selbst:

Und überhaupt. Die Aussage „Wir werden nach der Krise stärker sein als vorher!“ scheint die Kanzlerin in jedem Interview zum Thema rauszuhauen (in diesem auch zwei mal). Und die Aussage ist auch vollkommen logisch, weil von nach der Krise die Rede ist. Das ist keine Zeitangabe. 

Das ist als würde der MSV Duisburg sagen: „Nach dem Erstligaaufstieg spielen wir wieder in der ersten Liga!“. Würde ich auch nicht bezweifeln. Die Aussage „Nächste Saison spielen wir wieder in der ersten Liga“ sehr wohl.

Auf der anderen Seite: Man stelle sich ein Land vor, in dem die Politiker auf jede Frage eine Antwort gäben oder die Bevölkerung jede Antwort verstehen würde. Das Chaos würde herrschen. Vielleicht. Wie sagt man so schön: “Wenn das so weiter geht, ist eines Tages Freitag!

Und weiter geht es (Falschmeldungen)

Bild.de und RP-Online sind nach „Wilhelm“ Guttenberg (ich berichtete) nun in Level 2 des neuen Online-Rollenspiels „Wir lassen uns von Leuten im Internet hinters Licht führen“ angelangt. Was dafür zu tun war? Kevin Kuranyi feuern!

Als Fan von Borussia Dortmund hätte ich grundsätzlich ja nichts dagegen, wenn eineinhalb Wochen vor dem Revierderby etwas zusätzliche Unruhe in Gelsenkirchen einkehren würde, aber so wie es aussieht, wurde Kuranyi nicht von seinem Verein gefeuert.

Aber der Reihe nach. Was ist eigentlich passiert? Scheinbar griffen Hacker auf die Seite des Bundesligisten aus Gelsenkirchen zu und platzierten dort die Meldung, Kuranyi sei entlassen worden. Bild-Online fand diese Meldung schnell und berichtete darüber. RP-Online folgte.

s04Die Texte waren draußen, bevor man bei blau-weiß nachfragte. Mittlerweile wurde die Meldung dementiert, die Seite der Gelsenkirchener ist leer (Text: Wartungsarbeiten! Gleich geht es weiter…). Im Übrigen spricht Bild.de nun davon, dass nach ihrer „Recherche“ Hacker dafür verantwortlich waren. Stellt sich die Frage, wie diese Recherche wohl ausgesehen hat.

Ob es bei diesem Hacker-Angriff darum ging, die Medien nach dem „Wilhelm-Vorfall“ erneut zu testen oder die Gelsenkirchener zu ärgern, weiß man (noch) nicht. Aber wenn man folgendes Zitat aus dem aktuellen Bild-Online-Artikel liest, weiß man, dass beides geklappt hat:

21.22 Uhr: Ein Schalke-Spieler ruft bei BILD an: „Wisst ihr, was bei uns los ist? Ich habe gerade im Internet gelesen, dass der Verein Kevin entlassen hat.“
Verrücktes Schalke. Sogar die Kollegen halten eine den Rauswurf nach den jüngsten Vorkommnissen nicht mehr für ausgeschlossen.

Und noch was: Spiegel-Online verweist direkt darauf, dass “Kollegen” einer Falschmeldung aufsaßen. Aber abgesehen davon dass der Artikel kaum eine eigene Zeile enthält ist die Rede von “Nationalstürmer Kevin Kuranyi”. Hier wurde wohl auch nicht richtig Recherchiert *schmunzel*nationalsturmer

PS: Ich möchte hier noch eine Sache los werden, bevor man mich falsch versteht: All das sind natürlich menschliche Fehler und auch mir sind schon Fehler passiert und werden sicher noch Fehler passieren.

Lesetipp-25-01-09

Aus der BAMS. jawohl, richtig gelesen. Es gibt in der BILD nicht nur Dreizeiler und Promis. Und Sex und nackte Haut sind auch nicht zwangsläufig positiv belegte Themen. Nachfolgend der Link zu einer bewegenden Geschichte über Zwangsprostitution in Kambodscha, Quelle: BILD.de:

Das Gesicht der Sklaverei

PS: Auch von mir gibt es mal wieder etwas zu lesen, wenn auch noch nichts ganz Neues. Aktualisierter und überarbeiteter Text über das Selbstverständnis meiner Generation veröffentlicht in der “Readers Edition”:

Generation Abwarten – Selbstverständnis einer Generation

BKA-Gesetz und Pressefreiheit: Einige Zitate

Hier noch einige Zitate zu meinem letzten Post über das neue BKA-Gesetz und dessen Auswirkungen auf die Pressefreiheit:

„Der Informantenschutz ist die Lebensader des investigativen Journalismus. Das BKA-Gesetz versucht diese zu kappen. Wenn wir aufklären und enthüllen wollen, können wir demnächst mit der wichtigsten Währung nicht mehr zahlen: dem Zeugnisverweigerungsrecht.“
Jörg Schönenborn (WDR-Fernsehen)

„Weniger Enthüllungen, weniger Transparenz, weniger Demokratie. Das Ausspähen von Journalisten wird keinen Terroristen fangen helfen, denn so viel sei verraten: Von Terroristen beziehen wir unsere Informationen nicht. Aber es wird viele mutige Bürger davon abhalten, ihrem Gewissen Luft zu machen und unangenehme Wahrheiten ans Licht zu bringen.“
Kai Diekmann (“Bild”)

„Der Informantenschutz wird durch die Vorratsdatenspeicherung und Online-Durchsuchungen massiv untergraben. Wenn dann noch das Bundeskriminalamt die Herausgabe von Recherchematerial und damit die Preisgabe von Quellen verlangt und Hausdurchsuchungen anordnen kann, sind Grundvoraussetzungen unserer Mediendemokratie gefährdet.“
Peter Kloeppel (RTL)

„Es gibt viele Wege, investigativen Journalismus zu verhindern. Der einfachste: Verschreckt die Informanten! Macht ihnen Angst vor den Folgen! Erschüttert ihr Vertrauen in die Verschwiegenheit der Rechercheure! All das wird das geplante BKA-Gesetz ganz sicher schaffen. Wer sensible Daten weitergibt, muss sicher sein, dass der Journalist seines Vertrauens dichthält wie ein Beichtvater.“
Bascha Mika (“taz”)

„Die neuen Regelungen sind ein Anschlag auf die im Grundgesetz garantierte Pressefreiheit, weil sie das Redaktionsgeheimnis aushöhlen. Sie führen auch dazu, dass investigativ recherchierende Journalisten eingeschüchtert werden, weil sie ständig damit rechnen müssen, dass ihr Handy abgehört, ihr Computer heimlich durchsucht und ihre Wohnung gefilzt wird.“
Thomas Osterkorn (“Stern”)

„Die ‘Cicero’-Redaktion hat bereits eine verfassungswidrige Durchsuchung erdulden müssen. Wir haben daher vor dem Verfassungsgericht das sogenannte ‘Cicero’-Urteil erstritten, das den Informantenschutz eigentlich heiligen sollte. Nun aber wird der Einbruch in die Redaktionen durch die Hintertür des BKA-Gesetzes erneut versucht. Ein Skandal.“
Wolfram Weimer (“Cicero”)

„Zu einem gefährlichen Gesetz gesellt sich fahrlässiges Verhalten: Wir wissen, dass es Sozialdemokraten gibt, die dem allein in der Erwartung zugestimmt haben, das Gesetz werde ohnehin vom Bundesverfassungsgericht kassiert. So wird das Falsche auch noch schlecht gemacht.“
Giovanni di Lorenzo (“Die Zeit”)

Noch irgendwelche Fragen?