Die Piraten und das Momentum

Heute sind die Piraten im Saarland ins Parlament eingezogen. Das ist zwar noch weniger als Berlin ein entschiedenes Bundesland in der deutschen Politik, aber aller Voraussicht nach wird auch in Schleswig Holstein und in NRW der Einzug ins Parlament glücken. Die Piraten haben, wie man in den USA sagt, das „Momentum“ auf ihrer Seite und die vorgezogenen Wahlen kommen für sie zu einem sehr günstigen Zeitpunkt.

Nach der letzten Bundestagswahl hatte ich gedacht, die Piraten hätten ihren Höhepunkt bereits überschritten. Für längere Zeit sollten keine Wahlen mehr anstehen, es wäre schwer geworden für die Piraten genügen Aufmerksamkeit zu gewinnen. Heute muss ich – und ich bin nicht zu stolz um das zu tun – eingestehen, dass ich mich irrte. Die Piraten hatten Geduld und warteten auf Berlin. Hier ist die netzaffine Wählerschaft ungleich größer als anderswo und die CDU schwach wie sonst nirgendwo. Zudem stellte sich zu dieser Zeit bereits große bundespolitische Unzufriedenheit ein.

In diesem politischen Sonderfall schafften die Piraten es deutlich in den Senat und seitdem haben sie das besagte Momentum. Ohne Berlin keine 6-7 Prozent in Umfragen im Bund. Und ohne Berlin kein Saarland für die Piraten.

Das Merkel, nachdem sie die SPD ausgesaugt hatte (die sich mittlerweile erholt hat) die FDP in den Abgrund hat laufen lassen, tut ihr übriges. Auch wenn die Wählerwanderung teilweise seltsame Früchte trägt: So sollen im Saarland etwa 3000 FDP-Wähler zur Linken gewandert sein. Schaut man einfach nur die Gewinne und Verluste an, wäre die Rechnung vermutlich eher: Grüne-Wähler gingen zur SPD, FDP-Wähler zu den Piraten. Das kommt erstaunlich genau hin. Ist aber freilich zu einfach gerechnet.

Mir scheint derzeit, als gäbe es eine Art Stimm-Vakuum. Wenn man so will ist das Angebot an Stimmen größer geworden als die “Nachfrage” bei den Parteien. Früher kämpften die Parteien um die Stimmen der Wechselwähler. Dann sind Wahlen zu Mobilisierungs-Wahlen geworden. Weniger Wechselwähler, als die Frage, bekommt man die eigenen Sympathisanten wirklich zur Wahlurne, entschied den Ausgang. Gefühlt – ohne das auf empirische Daten fußen zu können – sind wir nun noch einen Schritt weiter.

Wir haben wieder Wechselwähler, aber keine, die sich schweren Herzens zwischen für sie attraktiven Angeboten entscheiden, sondern welche, die nicht mehr wissen wohin mit ihrer Stimme. Die Wahlbeteiligung sinkt zwar noch immer, macht aber irgendwo bei 60 Prozent nach unten hin halt. Die Konsequenz: Viele Wähler „parken“ ihre Stimme irgendwo. Es werden „kleinste Übel“ gewählt. Das Verhalten ähnelt sogenanntem “vagabundierendem Kapital” in der Wirtschaft, das kurzfristig untergebracht werden muss. Wie in der Wirtschaft entstehen durch diese “vagabundierenden Stimmen” immer wieder kurz- und mittelfristige Hypes.

Bei der letzten Bundestagswahl war das die FDP, die in – vergessen wir das nicht – für ihre Verhältnisse astronomische Höhen geschossen war. Als sie dann abstürzte schwammen die Grüne auf Wolke sieben, kamen in einigen Umfragen vor die SPD, stellen in Baden-Württemberg den Ministerpräsidenten. Aktuell sind die Grünen – man betrachte zum Beispiel die Prognosen zur NRW-Wahl – weitestgehend wieder auf Normalwerten. Dafür haben die Piraten das Momentum.

Das bedeutet aber auch: Es ist für die Machtverhältnisse im Land noch viel entscheidender geworden, wann gewählt wird. Kurzfristige Neuwahlen verstärken kurzfristige Trends viel mehr als früher, weil jede Wahl Machtverhältnisse verschiebt – und das Momentum am Leben hält. Genau deshalb dachte ich die Piraten würden nicht über ihre Ergebnisse aus dem Jahr 2009 hinaus kommen. Weil ich nicht geglaubt habe, dass das es am Leben bleibt.

Eine Frage stellt sich mir beim derzeitigen Höhenflug der Piraten aber doch: Könnten die vielen Wahlen auch zu einem Problem personeller Natur führen? Wer soll in den Bundestag einziehen, wenn die besten und/oder beliebtesten Leute aus den Landesverbänden Berlin, Saarland, Schleswig-Holstein, NRW und womöglich weiteren Ländern vorher schon in die Landesparlamente gezogen sind?

Heißt es dann für einige: Zu früh gekommen für den großen Wurf und die Spätstarter ernten die womöglich begehrtesten Plätze? Oder wird es Personen geben, die dann wechseln wollen? Der Machtkampf in der Partei könne sich in dieser Situation anheizen. Vielleicht wird das das Ende des Momentums der Piraten sein und die Partei hat sich eben noch nicht etabliert. Aber ich habe mich ja schon einmal geirrt.

Gedanken zum Netzpolitischen Kongress der Grünen #nk10 (Teil 2 Workshop Medienwandel)

Nachdem ich am Samstag schon meine Gedanken zum Workshop über Menschenrechte beim Netzpolitischem Kongress der Grünen veröffentlicht habe, möchte ich nun – wie angekündigt – die zum Thema Medienwandel (“Survival of the Clickest?”)nachreichen.

Auch hier zunächst der Link zum offiziellem „Protokoll“. Es wurden vor allem die alt bekannten Fragen behandelt: Wie soll sichergestellt werden, dass Journalisten genug verdienen? Wie soll sichergestellt werden, dass die Verlage weiter existieren können oder zumindest ihre Produkte? Und welche Auswirkungen haben technische Entwicklungen in Zukunft auf den Journalismus?

Wie nicht anders zu erwarten, gab es keine Lösung auf diese Fragen – vor allem nicht zusammen genommen. Denn eigentlich ist es Weiterlesen

Wen ich bei der NRW-Landtagswahl wähle und warum

Lange habe ich drüber nachgedacht, ob ich mich hier eindeutig positionieren soll. Da ein Blog aber bekanntlich sehr persönlich sein darf, wage ich den Schritt dieses Mal und lade herzlich zur inhaltlichen Diskussion ein. Gleichzeitig möchte ich betonen, dass ich mich absolut als Wechselwähler sehe (meine bisherigen „Kreuzchen“ verraten mir das) und sehen werde. Mit anderen Worten: Natürlich beinhalten auch einige der anderen Posts in diesem Blog, sofern sie nicht bewusst möglichst neutral berichten sollen, meine persönliche Meinung, zu der ich stehe. Sie ist allerdings nie parteipolitisch begründet. Soweit mein Vorwort…

Möchte ich weiter Schwarz-Gelb?
Zunächst einmal stellt sich natürlich die Frage: Will ich, dass Jürgen Rüttgers und die von ihm geführte Regierung im Amt bleibt? Da muss ich nicht lange nachdenken: Nein! Gründe fallen mir einige ein. Zum Beispiel: Weiterlesen

Kleines Experiment: Wen wählst du bei der Landtagswahl und warum?

An dieser Stelle möchte ich ein kleines Experiment wagen. Im Bezug auf die Landtagswahl hatte ich mir ursprünglich eine kleine Blogparade vorgestellt (“Ich wähle XY, weil”). Das hat leider nicht geklappt. Aber vielleicht möchtest du auf 140 Zeichen ihre Wahlentscheidung nennen und begründen?

Wenn ja das ganze bitte als @reply über Twitter an mich -> @youdaz

Ich sammel und stelle die gesammelten Zeilen als Blogbeitrag online. Natürlich nur, wenn es sich lohnt. Daher könnt ihr die Aktion gerne weiter verbreiten.

Vermutlich werden in erster Linie parteinahe Twitterer schreiben, aber es wäre dennoch interessant zu sehen, wie die Wahl mit 140 Zeichen begründet wird. Persönlich erwarte ich am ehsten Antworten von Piraten, aber vielleicht irre ich mich ja auch.

Das ganze wird natürlich nicht repräsentativ. Spannend sein und zu Diskussionen anregen, könnte es aber allemal!

Mein Fazit zur WDR-Wahlarena

Das Format der WDR-Wahlarena war deutlich lebendiger und aufschlussreicher, als das doch eher träge Duell am Montag. Das lag zum einen an der Anwesenheit von FDP, Grünen und Linke, aber auch daran, dass Rüttgers und Kraft diesmal mehr aus sich heraus gingen. Die Moderatoren schienen sehr informiert und konnten Fakten nennen bzw. korrigieren. Letzteres musste Jürgen Rüttgers ein-zwei Mal spüren.

Nun mein Eindruck zu den fünf Politikern im Einzelnen: Weiterlesen

Wahlplakate und Wahlwerbespots zur NRW-Landtagswahl Teil 10 (Grüne)

Nachdem ich zuletzt die Spots von CDU und FDP sehr kritisch kommentiert habe, möchte ich in diesen Beitrag auf die Wahlwerbe-Clips der Grünen Bezug nehmen. Ich bemühe mich, ebenso kritisch zu sein, aber hey, das hängt auch immer von meiner Tagesform ab ;) Doch die unprofessionelle Präsentation der sonst unterhaltsamen Clips lädt tatsächlich zur Kritik ein.

Fangen wir positiv an: Die Spots sind zweifellos humorvoll. Und: Sie sind kurz, gerade einmal 30 Sekunden lang. Das begründen die Grünen selbst wie folgt: Weiterlesen

Wahlplakate zur NRW-Landtagswahl Teil 7 (CDU, FDP, Grüne)

Die heiße Phase des Wahlkampfs hat spätestens am Wochenende begonnen. Mittlerweile sind zudem weitere Plakate aufgetaucht, zu denen ich in diesem kurzen Update ein paar Worte verlieren möchte.

Die CDU stellte zwei Plakatmotive der zweiten „Welle“ vor. Diese führen das Design der ersten Welle fort. Auf dem ersten Plakat ist erneut nur Text zu sehen. Das Plakat weißt dieselben Fehler auf, wie das der ersten Reihe. Die Farbgebung wirkt sehr kalt, die einzelnen Slogans („Wir in Nordrhein-Westfalen“, „NRW muss stabil bleiben“ und „Kompetenz entscheidet“) sind wieder vollkommen zusammenhanglos auf ein einziges Plakat gedruckt. Der Haupttext lautet „Arbeit sichern. Arbeit schaffen.“ Der rote Eyecatcher zieht jedoch die flüchtige Aufmerksamkeit auf sich, so dass eher er zum Haupttext wird. Weiterlesen

Wer tritt bei der NRW-Landtagswahl eigentlich an?

Am 24. März veröffentlichte die NRW-Landeswahlleiterin die eingereichten Wahlvorschläge zur kommenden Landtagswahl. Werden alle zugelassen, konkurieren  29 Parteien um die  Zweitstimmen.

Ganz oben auf der Liste sind die bereits im Landtags vertretenen Parteien CDU, SPD, Grüne und FDP. Auf Listenplatz fünf folgt die rechtsextreme NPD. Sie steht damit einen Platz über der Linken. Der Grund dafür leitet sich aus der vergangenen Wahl ab: Die Parteien, die damals angetreten sind, werden in der Reihenfolge ihres Stimmanteils aufgeführt. Da die Linke offiziell als Nachfolgepartei der PDS antritt, welche knapp weniger Stimmen als die NPD erhalten hatte, steht die Linke hinter der NPD, Das auch, obwohl die WASG als eine der beiden „Quellparteien“ der Linken deutlich mehr Stimmen erhalten hatte. Weiterlesen