Etwa die Hälfte meiner Bearbeitungszeit für meine Diplomarbeit ist vorbei. Und in etwa die Hälfte der Arbeit ist gemacht. Alle Redaktionsbesuche und Expertengespräche habe ich durchgeführt, transkribiert und größtenteils auch ausgewertet. Die neuste Fassung der Gliederung steht, jetzt muss nur noch getippt werden was das Zeug hält. Und danach vermutlich noch einmal ordentlich gekürzt. Das Beruhigende: Das sind beides Grunddisziplinen des Journalistendaseins.
Noch einmal zur Einordnung: Meine Arbeit behandelt Arbeitsabläufe in Online-Redaktionen. Dabei geht es vor allem darum zu untersuchen, ob die Mediengattung der „Mutter“ der jeweiligen Online-Redaktion Auswirkungen auf die Arbeitsabläufe hat. Methodisch stütze ich mich auf Beobachtungen, aber vor allem Leitfadeninterviews mit Redaktionsverantwortlichen. Der Fokus liegt auf den Redaktionen tagesschau.de und sueddeutsche.de, ergänzt werden diese durch hr-online (Nachrichtenredaktion) und der Online-Redaktion der Frankfurter Neuen Presse (FNP).
An dieser Stelle will ich interessierten Lesern schon einmal stichpunktartig einige Ergebnisse meiner Auswertung spoilen:
- Die Gemeinsamkeiten unter den Online-Redaktionen sind grob vereinfacht gesagt größer als die zum jeweiligen Muttermedium
- Die Struktur der Schichten ähnelt sich auffallend, obwohl zum Teil die jeweilige Mutterredaktion indirekt eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der Schichten spielt
- Der Tagesverlauf der Besucherzahlen folgt überall einem sehr ähnlichen Muster. Dieses Schema scheint stärkeren Faktoren zu folgen als Produktionsstöße, die aber spürbaren Einfluss haben können
- Die besuchten Online-Redaktionen zeigten große redaktionelle Unabhängigkeit von der „Mutter“
- Keine Überraschung, aber dennoch nicht unwichtig: Alle Angebote sind textkonzentriert
- Die Vorbildung der Redaktionsmitglieder weißt auffällige Tendenzen zum jeweiligen Stammmedium auf
- Die Art der von der Mutter übernommenen Inhalte verfolgen sehr gegensätzlichen Mustern
- Identische Funktionen von Angestellten haben in den einzelnen Redaktion häufig unterschiedliche Bezeichnungen
- Alle Redaktionen sind für Besucher nicht unkompliziert zu erreichen. Anmeldungen und Pförtner, teilweise Schranken, erschweren den Weg dorthin
- Spiegel Online ist für viele Vorbild und „so wollen wir gerade nicht sein“-Objekt zugleich
- Alle Redaktionen machen sich Gedanken um die Optimierung ihrer Arbeitsabläufe
Ich hoffe, meine Arbeit kann im Anschluss auf eine noch zu bestimmende Art veröffentlicht werden und allen Redaktionen helfen. Denn meine vielleicht grundlegendste Erkenntnis, auch wenn diese meine Forschungsfrage nur am Rand tangiert, ist folgende: Die Redaktionen haben nichts voneinander zu befürchten. Konkurrenten sind sie nur in einem sehr übertragenden Sinn, weil – auch aufgrund der jeweiligen Stammmedien – sehr wohl unterschiedliche Klientel und Bedürfnisse bedient werden. Voneinander lernen könnten die Redaktionen an vielen Stellen aber sicherlich.
Der Arbeitstitel meiner Diplomarbeit hat sich durch weitere Präzisierung mittlerweile übrigens zu folgendem stolzen Wortgefecht angesammelt:
Arbeitsabläufe in deutschen journalistisch-nachrichtlich arbeitenden Onlineredaktionen im Vergleich unter besonderer Berücksichtigung des jeweils zugrunde liegenden Stammmediums an Hand der Beispiele tagesschau.de und sueddeutsche.de sowie ergänzend hr-online und FNP.de.
Da dies zwar ziemlich präzise den Inhalt beschreibt aber wenig griffig klingt, ist das Ganze in den Untertitel gerutscht. Der neue Titel steht noch nicht fest. Darum kümmere ich mich später.

„Leaking-Plattformen sind momentan auch ein Marketing-Werkzeug“, sagte Hans Leyendecker am Samstag beim tazlab in Berlin, dass auch ich besuchte. Er sagte dies in der Veranstaltung „Das große Leck: Wikileaks und die Folgen“. Leyendecker arbeitet bei der Süddeutschen Zeitung und ist einer der bekanntesten deutschen investigativen Journalisten. Seine Stimme hat durchaus Gewicht.
