Diplom: Erste Ergebnisse

Etwa die Hälfte meiner Bearbeitungszeit für meine Diplomarbeit ist vorbei. Und in etwa die Hälfte der Arbeit ist gemacht. Alle Redaktionsbesuche und Expertengespräche habe ich durchgeführt, transkribiert und größtenteils auch ausgewertet. Die neuste Fassung der Gliederung steht, jetzt muss nur noch getippt werden was das Zeug hält. Und danach vermutlich noch einmal ordentlich gekürzt. Das Beruhigende: Das sind beides Grunddisziplinen des Journalistendaseins.

Noch einmal zur Einordnung: Meine Arbeit behandelt Arbeitsabläufe in Online-Redaktionen. Dabei geht es vor allem darum zu untersuchen, ob die Mediengattung der „Mutter“ der jeweiligen Online-Redaktion Auswirkungen auf die Arbeitsabläufe hat. Methodisch stütze ich mich auf Beobachtungen, aber vor allem Leitfadeninterviews mit Redaktionsverantwortlichen. Der Fokus liegt auf den Redaktionen tagesschau.de und sueddeutsche.de, ergänzt werden diese durch hr-online (Nachrichtenredaktion) und der Online-Redaktion der Frankfurter Neuen Presse (FNP).

An dieser Stelle will ich interessierten Lesern schon einmal stichpunktartig einige Ergebnisse meiner Auswertung spoilen:

  • Die Gemeinsamkeiten unter den Online-Redaktionen sind grob vereinfacht gesagt größer als die zum jeweiligen Muttermedium
  • Die Struktur der Schichten ähnelt sich auffallend, obwohl zum Teil die jeweilige Mutterredaktion indirekt eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der Schichten spielt
  • Der Tagesverlauf der Besucherzahlen folgt überall einem sehr ähnlichen Muster. Dieses Schema scheint stärkeren Faktoren zu folgen als Produktionsstöße, die aber spürbaren Einfluss haben können
  • Die besuchten Online-Redaktionen zeigten große redaktionelle Unabhängigkeit von der „Mutter“
  • Keine Überraschung, aber dennoch nicht unwichtig: Alle Angebote sind textkonzentriert
  • Die Vorbildung der Redaktionsmitglieder weißt auffällige Tendenzen zum jeweiligen Stammmedium auf
  • Die Art der von der Mutter übernommenen Inhalte verfolgen sehr gegensätzlichen Mustern
  • Identische Funktionen von Angestellten haben in den einzelnen Redaktion häufig unterschiedliche Bezeichnungen
  • Alle Redaktionen sind für Besucher nicht unkompliziert zu erreichen. Anmeldungen und Pförtner, teilweise Schranken, erschweren den Weg dorthin
  • Spiegel Online ist für viele Vorbild und „so wollen wir gerade nicht sein“-Objekt zugleich
  • Alle Redaktionen machen sich Gedanken um die Optimierung ihrer Arbeitsabläufe

Ich hoffe, meine Arbeit kann im Anschluss auf eine noch zu bestimmende Art veröffentlicht werden und allen Redaktionen helfen. Denn meine vielleicht grundlegendste Erkenntnis, auch wenn diese meine Forschungsfrage nur am Rand tangiert, ist folgende: Die Redaktionen haben nichts voneinander zu befürchten. Konkurrenten sind sie nur in einem sehr übertragenden Sinn, weil – auch aufgrund der jeweiligen Stammmedien – sehr wohl unterschiedliche Klientel und Bedürfnisse bedient werden. Voneinander lernen könnten die Redaktionen an vielen Stellen aber sicherlich.

Der Arbeitstitel meiner Diplomarbeit hat sich durch weitere Präzisierung mittlerweile übrigens zu folgendem stolzen Wortgefecht angesammelt:

Arbeitsabläufe in deutschen journalistisch-nachrichtlich arbeitenden Onlineredaktionen im Vergleich unter besonderer Berücksichtigung des jeweils zugrunde liegenden Stammmediums an Hand der Beispiele tagesschau.de und sueddeutsche.de sowie ergänzend hr-online und FNP.de.

Da dies zwar ziemlich präzise den Inhalt beschreibt aber wenig griffig klingt, ist das Ganze in den Untertitel gerutscht. Der neue Titel steht noch nicht fest. Darum kümmere ich mich später.

Angst als journalistische Triebfeder

In den letzten Tagen wurde ich gehäuft von Freunden gefragt: Warum macht ihr Journalisten so etwas? Warum berichtet ihr so reißerisch über Themen? Warum bringt ihr alle paar Minuten ein Update zu einem Sachverhalt, obwohl es gar nichts Neues gibt? Warum schreibt ihr Themen wie EHEC oder E10 hoch, so dass nachher Verwirrung, Angst und Panik herrschen?

Dazu kann ich nur jedes Mal sagen: Auch mir geht dies häufig auf den Sack. Und eine definitive Antwort auf diese Fragen kann ich auch nicht geben. Aber ich habe eine These. Sie lautet: In den Redaktionen herrscht Angst. Mehr noch: Es herrscht blanke Panik!

Die Angst resultiert in Teilen aus Unwissen und Konzeptlosigkeit. Viele Verlage scheinen noch immer nicht zu wissen, wie sie im Jahr 2011 mit Journalismus viel Geld erwirtschaften können. Dabei liegt in diesem Punkt meiner Meinung nach häufig gar nicht das Problem, vielmehr müsste man auf der Ausgaben-Seite reagieren. Dies wird aber immer nur mit Personalabbau verwirklicht, welcher letztendlich wieder zu Qualitätsverlust führt. Doch das ist hier nicht das Thema.

Geld kommt – gerade im Internet – fast ausschließlich, wenn auch indirekt, durch Aufmerksamkeit zustande. Das bedeutet beim vollkommen an der wirklichen Aufmerksamkeit vorbeigehenden Messkriterium „Page Impressions“ natürlich: Klicks.

Die sind leicht messbar. Und durch sie und das Internet im Allgemeinen ist die Konkurrenz ungleich größer geworden. Die Frankfurter Rundschau steht nicht mehr nur in Konkurrenz zur FAZ. Sie steht auch in Konkurrenz zur New York Times und zum Guardian. Sie steht in Konkurrenz zu Al Jazeera und BBC. Mehr noch: Sie steht in Konkurrenz zu YouTube, Facebook, Twitter und einer nicht enden wollenden Anzahl von Blogs. Aber nicht nur das: Wurde früher eine FR verkauft, war das quasi eine Flatrate. Doch dank Klicks steht die FR auch intern in Konkurrenz mit sich selbst. Der Sport zur Politik, die Wirtschaft zur Kultur. Und plötzlich wird es doppelt wichtig, welche Redaktion welches Thema behandelt.

Aber ich glaube das Problem mit uns Journalisten wiegt noch tiefer. Geld ist nur ein Vorwand, außer vielleicht bei den Verlegern oder der Redaktionsleitung. Es geht einfach nur um Aufmerksamkeit. Wir wollen beachtet werden. Wer schreibt, will gelesen werden. Dieser Wunsch und die Angst, dass es nicht der Fall ist, sind vermutlich so alt, wie der Journalismus selbst. Heute haben wir jedoch das Gefühl, ständig gezeigt zu bekommen, dass wir nicht oder weniger beachtet werden.

Ich weiß nicht, ob Journalismus „früher“ wirklich besser war. Dafür lebe ich schlichtweg nicht lange genug. Ich würde fast annehmen, dass es wie bei allem Historischen ist: Es wird im Vergleich zum jetzt glorifiziert. Ich weigere mich allerdings zu glauben, dass Journalisten nicht stets ein wenig die Welt retten wollen. Doch bereits in der Ausbildung wird jeder Spruch, der in diese Richtung geht, von den Alteingesessenen belächelt. Vielleicht sind sie bereits desillusioniert.

Das Tagesgeschäft ist nämlich, dass eine große Anzahl von Journalisten täglich irgendwo in der Pampa steht, um über irgendetwas zu berichten, was morgen schon wieder vergessen wird. Dass sie mit irgendwelchen Leuten reden müssen, die genauso wenig Lust auf ein Interview haben, wie der Journalist selbst. Und dass sie dafür, mal mit Recht, mal mit Unrecht, mal direkt und mal stellvertretend als „schmierige Schreiberlinge“ bezeichnet werden, nur um 10 Minuten später schon als „Tragende Säule der Demokratie“ geadelt zu werden.

Beides ist richtig. Weil jeder Beruf, aber auch jeder Mensch, sein Engelchen und sein Teufelchen auf der Schulter sitzen haben. Der Unterschied im Journalismus, ähnlich wie in der Politik, ist jedoch, dass beide der kleinen Begleiter ihrem Träger dazu verleiten, Aufmerksamkeit zu erlangen. Aufmerksamkeit für das Blatt oder für die eigenen Themen, um etwas zu verbessern. Und Aufmerksamkeit für sich selbst, um so etwas wie ein Danke zu hören. Auch wenn dieses Danke „viel geklickt“ heißt.

Im Grunde wollen wir nämlich alle nur geliebt werden. Und wer nicht geliebt wird, will wenigstens gehasst werden. Die emotionale Bindung, die bei diesen beiden Gefühlen entsteht, ist nämlich gar nicht so verschieden.

Und was wäre nun die Lösung? Vermutlich die, die in fast allen Lebensbereichen gilt: Wir alle, sollten uns und das Leben nicht immer so verbissen sehen. Beide Seiten müssten sich gegenseitig nur etwas mehr vertrauen und etwas mehr versuchen zu verstehen. Kurzum: Etwas mehr lieben.

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„Leaking-Plattformen sind momentan auch ein Marketing-Werkzeug!“

„Leaking-Plattformen sind momentan auch ein Marketing-Werkzeug“, sagte Hans Leyendecker am Samstag beim tazlab in Berlin, dass auch ich besuchte. Er sagte dies in der Veranstaltung „Das große Leck: Wikileaks und die Folgen“. Leyendecker arbeitet bei der Süddeutschen Zeitung und ist einer der bekanntesten deutschen investigativen Journalisten. Seine Stimme hat durchaus Gewicht.

Mehrere Zeitungen haben jüngst Leaking-Plattformen aufgebaut (sehr prominent zum Beispiel die WAZ). Doch Leyendecker sagt, viele würden sich in erster Linie damit (nur?) schmücken. Ein interessanter Aspekt, den ich unterstreichen möchte. Leaking gilt gerade als „in“. Ähnliches gilt für Datenjournalismus. Bei den meisten Medien ist wirkliche Kompetenz quantitativ und qualitativ hierfür jedoch nicht vorhanden. Die Versuche diesbezüglich sind in diesen Fällen tatsächlich meist eher Marketing, als Journalismus. Man macht es, weil es derzeit als modern gilt.

Auf dem Panel hörte ich aber noch andere interessante Gedanken, sowie einige Neuigkeiten zu Openleaks, die mir Daniel Domscheit-Berg erzählte. Doch dazu gleich. Zunächst einmal zurück zu Leyendecker:

Der erzählte auch eine interessante Anekdote. Während der Hauptphase der Wikileaks Debatte 2010 habe er irgendwann bemerkt, dass seine Kinder seine eher kritischen Kommentare nicht nachvollziehen konnten („Papa, was schreibst du für einen Mist?“). Er verglich ihren Betrachtungspunkt mit dem, den die frühere Generation bei der Spiegel-Affäre hatte („Spiegel tot, Freiheit tot“). Nicht zuletzt daraus schloss Leyendecker: „Jede Zeit braucht eine neue Ethik-Debatte“.

Konstantin von Notz sagte einige Dinge aus der Politiker-Sicht. Für Erheiterung sorgte seine Antwort auf die Frage, ob die Politik (so) zweischneidig sei: „Die Politik ist immer so, wie die Gesellschaft.“ Constanze Kurz vom CCC bleibt mir vermutlich vor allem mit ihrem Berliner Akzent im Gedächtnis und mit der Aussage, dass Wikileaks ein „Medienhack“ gewesen sei. Hack wurde übrigens von allen wie „Hackfleisch“ ausgesprochen, nicht wie Heck. Daran werde ich mich nie gewöhnen.

Constanze Kurz übte zudem Kritik daran, dass die technische Infrastruktur von Wikileaks „lange Jahre völlig mangelhaft“ gewesen sei. Sie regte zudem an, die Debatte nicht nur über den ist-Zustand zu führen, sondern auch über das, „was die Plattform theoretisch für Möglichkeiten geboten hätte“. So hätten zum Beispiel massenhaft ungefilterte persönliche Daten veröffentlicht werden können und so etwas könnte „uns“ wieder begegnen.

Mit am meisten Spannung hatte ich im Vorfeld den Auftritt von Daniel Domscheit-Berg erwartet. Er wurde bereits zu Beginn durch einen sehr kritischen Zwischenruf aus dem Publikum unterbrochen (ich meine verstanden zu haben „was heißt hier wir, das bist doch nur du!“) und schien dadurch verunsichert. Wie schon häufig erzählte er, dass man aus den Erfahrungen von Wikileaks lernen müsse und er das Konzept weiter entwickeln wolle.

Explizit sagte er auch, dass die Art und Wiese der Medienpartnerschaften von Wikileaks derzeit „suboptimal“ sei. Ziel müsse es auf jeden Fall sein, dass mehr über die Leaks geredet werde und weniger über den Hype an sich. Gleichzeitig müsse Whistleblowing jedoch im Establishment ankommen, um gesellschaftliche Veränderung zu ermöglichen.

Nach dem Panel hatte ich noch kurz die Gelegenheit, mit Domscheit-Berg zu reden. Ich traf auf einen auf mich sehr ruhig und bodenständig wirkenden Mann, vielleicht etwas schüchtern im Grundauftreten, aber auch nicht scheu oder abweisend, wenn er angesprochen wurde, sondern bereitwillig, Auskunft zu geben.

Ich fragte ihn, warum es (gefühlt) so lange brauche, eine Plattform wie OpenLeaks zu eröffnen. Er antwortete mir, dass das System technisch bereits bereit sei, dort gäbe es keine Probleme. Man habe sich jedoch entschieden, erst breiter aufgestellt zu sein, bevor es los geht. Sprich mit mehr Partnern und festgelegten Abläufen. Aktuell würde daher im Hintergrund an Partnerschaften (mit Medien) und den Grundlagen der zukünftigen Abläufe gefeilt. Man wolle erst loslegen, wenn dies alles geklärt sei.

Ich fragte auch, wie viele Personen bei OpenLeaks mitwirken würden. Domscheit-Berg sagte, es seien derzeit vier Personen Vollzeit dabei und etwa zehn weitere, die zum Beispiel als Grafiker aktiv seien. Ich entgegnete, ob dieses Mal alle Personen echt seien. Dabei bezog ich mich auf sein Buch, in dem er schrieb, dass er und Julian Assange zu Wikileaks-Zeiten häufig mit Pseudonymen gearbeitet hätten, um größer zu wirken, als man war. Domscheit-Berg versicherte, die Personen würden alle existieren. Demnächst würde man diesbezüglich auch transparenter werden.

PS: Ein Text zur tazlab-Veranstaltung “Zahlen bitte!” über Finanzierungsmodelle im Online-Journalismus (unter anderen mit Flattr-Mitgründer Peter Sunde) folgt…

Foto: Das Panel, aufgenommen von mir. Personen vlnr: Domscheit-Berg, Kurz, Schulz (Moderator), von Notz, Leyendecker.

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Zapp-Bericht über Praktikanten: Immer schön positiv bleiben

Gerade eben habe ich den Bericht “Der Lohn der Medienpraktikanten” von Zapp angeschaut. Das acht Minuten lange Video gibt es hier zu sehen.

Im Teaser heißt es:

Ausbeutung oder Umweg zum Ziel? Praktikanten in den Medien – darüber wurde viel geschrieben und diskutiert in den vergangenen Jahren. Zu recht, denn es gibt sie zuhauf, die schwarzen Schafe: Redaktionen, die sich nur mit “angehenden” Journalisten über Wasser halten.

Das weckte natürlich mein Interesse, betrachte ich doch die Thematik der Praktika und auch Volontariate schon seit längerem sehr kritisch, wenngleich ich selbst überwiegend positive Erfahrungen gemacht habe und mit einer Ausnahme auch alle meine Praktika bezahlt waren.

Zapp will – so weiter im Teaser –  die Frage beantworten, wie die Praktikanten selbst die Lage empfinden.

Glaubt man den von Zapp interviewten 2 (im Worten zwei) Praktikanten und dem Voice-Over, dann finden sie es prima. Kritische Stimmen werden im Clip maximal beiläufig erwähnt. Der Tenor klingt viel mehr nach: Das ist halt so, dass man viele Praktika machen muss und dass diese nicht bezahlt werden. Und das “Gemecker” darüber sei unnötig, denn die Praktikanten fänden es gar nicht schlimm. Außerdem würde man sehr viel Lernen und den Berufseinstieg schaffen.

Sicherlich wird jeder Praktikant in seinen Praktika lernen, häufig auch viel, wäre ja noch schöner, wenn nicht. Doch: Wie viele Praktika sind nötig, bis der Berufseinstieg gelingt? Diese kritische Frage bleibt außen vor, dabei wäre gerade sie interessant.

Irgendwann klappt es, das ist die Botschaft. Als Beweis wird Christopher Wittich herangezogen, der über ein Praktikum Blut geleckt habe und als Quereinsteiger in den Journalismus gekommen sei. Im Beitrag heißt es:

Christopher Wittich hat es geschafft: Er ist jetzt Volontär bei RTL Hessen

Wenn man Volontär ist, hat man es nach Ansicht von Zapp bereits geschafft!? Demnach darf man wohl davon ausgehen, dass in der Zapp-Redaktion keiner ein “höheres” (Bezahlungs)niveau anstrebt oder angestrebt hat?

Um zu sehen, ob mein Eindruck vom Beitrag komplett täuschte oder nicht, habe ich das Transkript des Berichts in Wordle gesetzt und geschaut, was dabei rauskommt:

Hervor stechen neben “Praktika/Praktikum” vor allem Wörter wie “Erfahrung”, “einfach”, “schon”, “lernen” und “ja”, sprich: Positive Begriffe. Also auch in der Wortwahl spiegelt sich wieder, was ich empfand: Der Beitrag ist sehr unkritisch.

Ich hätte mir gewünscht, dass im Beitrag auch negative Erfahrungen zur Sprache kommen, dass nachgefragt wird, warum die Praktikanten nicht bezahlt werden. Oder auch, dass recherchiert wird, wie viele der Praktikanten übernommen werden. Und wo landen die anderen? Schließlich wird kurz erwähnt, dass etwa bei RTL unzählige Praktikanten eingesetzt werden.

So wird jedoch der Eindruck erweckt, alles wäre in Ordnung. Aus vielen Gesprächen weiß ich aber, dass nicht alles in Ordnung ist. Der Beitrag wird Zapp nicht gerecht, die ich sonst für ihre kritische Medienberichterstattung schätze.

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E10 ist das neue Street View

Ich war gerade eben tanken. Das was ich dort erlebt habe, muss ich noch immer verarbeiten. Beim bezahlen habe ich versucht meinen Presseausweis zu verbergen, denn ich habe mich (wieder einmal) für meinen Berufsstand geschämt. Grund ist der neue „Biokraftstoff“ E10-Super. Oder wie ich seit kurzem sage: Das erste journalistische Frühlingsloch (oder Spätwinterloch). Aber der Reihe nach.

Gerade passiert ist folgendes: Ich fahr auf den Platz der Tankstelle. Dort stehen bereits zwei Autos, deren Fahrer und ein Beifahrer herum. Ob sie tanken, warten oder was auch immer tun – das kann ich nicht einordnen. Sie scheinen gerade eine Diskussion hinter sich zu haben. Sie wirken auf mich ein wenig wie Leute, die gerade jemanden wegen einer akuten Verletzung ins Krankenhaus gebracht haben und nun warten.

Ich entscheide mich die Menschen zu ignorieren. Seltsame Leute hatte ich heute bereits genug. Also füll ich wie bereits die letzten Male das sagenumwobene Ääähhh 10 in den Tank, mach die Kiste zu und beweg mich zum bezahlen.

Auf halben Weg fängt mich der Tankwart (scheinbar gerade in Einzelschicht) ab und sagt etwas. Was er sagt verstehe ich nicht, zu überrascht bin ich. Ich sage fragend “bitte?” Der Dialog geht etwa dann wie folgt weiter.

„Ach Sie wollen zahlen!“

„Ähm… joar?!“

„Ich dachte schon, Sie wären wieder ein E10-Kunde.“

„Oh! So schlimm?“

Ja, schon!“

„Sie tun mir leid.“

Nach dem Bezahlen sind die „Drei von der Tankstelle“ aus der (man möchte sagen: ) vorherigen Szene weg. Dafür ist ein anderes Auto vorgefahren. Bereits ausgestiegen ist ein, so glaube ich, älteres Ehepaar. Die beiden schauen sich ratlos an, blicken immer wieder im Wechsel zur Preistafel und zur Tankstelle wenige Meter entfernt. Das einzige, was ich aufschnappe ist der Satz: „Ne, die verkaufen hier das E10!“

Ich steige in mein Auto und muss ganz, ganz, ganz dringend weg.

Um das Protest-Schild einer netten Online-Redakteurin der taz zu zitieren: „Hallo, geht’s noch?!“ Seit mehreren Wochen(!) besuche ich nun bereits Tankstellen, an denen E10 verkauft wird, aber so etwas habe ich bislang noch nicht erlebt. Aber man muss auch sagen:

„Herr vergibt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tanken!“

Die Einführung des neuen Kraftstoffs hat scheinbar wirklich nicht so gut geklappt, aber diese Panik gibt es doch erst seit ein paar Tagen. Eine Auswahl an Horror:

  • E10 ist ein Ladenhüter
  • EILMEDLUNG: Die Einführung von E10 wird gestoppt (Viele Menschen denken hier: E10 würde wieder abgeschafft – gemeint war aber nur, dass die Umstellung an den bisher nicht umgestellten Tankstellen pausieren sollte)
  • E10 schadet dem Motor
  • E10 steigert den Verbrauch
  • Horror: Alle Horrormeldungen sind falsch
  • Regierung ruft zum E10-Krisen-Gipfel
  • Der E10-Irrsinn geht weiter
  • Röttgen kann nun nicht mehr Kanzler werden

Letzteres ist mein besonderer Favorit, zu lesen derzeit in etwa jedem zweiten SpOn-Artikel zum Thema.

Zusammengefasst (alle Medien): Horror statt Information, zitierte “Experten” statt Recherche. Selbst wer innerhalb einer Publikation bleibt, kann je nach Redakteur mal dies, mal das zu E10 lesen. Das Bildblog zeigt dies recht schön am Beispiel der Bild-Gruppe. Meinungsvielfallt – jetzt auch bei Fakten – Jippey!

Das Ganze erinnert mich sehr an das Sommerloch-Thema im Vorjahr: Google Street View. Das Schema dort war identisch: Jeden Tag 10 Artikel, zich „Experten“ und eine ganze Menge Panik und Artikel der Marke „Die wichtigsten Irrtümer zum selber machen!“ Oh, ja: E10 ist das neue Street View!

Man möchte sich fast wünschen, unser Ex-Doktor und Ex-Verteidigungsminister hätte noch ein wenig mit seinem Rücktritt gewartet, dann wären uns einige Texte erspart geblieben. Und der arme Tankwart hätte wohl einen ruhigen Tag gehabt.

Aber worüber will man als Journalist derzeit auch berichten? Libyen? Ne, ist mittlerweile egal. Unser Öl kommt ja jetzt vom Rapsfeld…

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Die Revolution frisst ihre Attribute

Iran war die Twitter-Revolution. Zumindest bis man das Wort Revolution streichen musste. Dann kamen Tunesien und Ägypten. Diese Länder haben ihre Machthaber zumindest gestürzt. Und weil die ganze Welt daran teilhaben konnte, zumindest wenn sie nicht deutsches TV sah, wollte man doch auch irgendwie Teil davon sein.

Wir im Netz waren dabei, wir gehören zu den Ägyptern. Wir haben Mubarak mit gestürzt, weil wir immer alles wissen wollten und auf Facebook mit kommentierten. Facebook ist westlich. Seht ihr, ohne uns, hättet ihr noch immer eine Diktatur (die wir übrigens erst so nannten, nachdem unser Urlaubsland mit Protesten in den Medien auftauchte).

Ägypten ist die Facebook-Revolution. Das Internet war lange Zeit aus? Egal! Die Frage an einige Demonstranten oder „Experten“ inwiefern ihnen Facebook geholfen habe („Ja, war sicher hilfreich“) reicht als Indikator. Hat jemand einen Demonstranten gefragt, wie das überwiegend gute Wetter geholfen hat?

Ägypten die Schön-Wetter-Revolution?

Klingt eher nach Deutschland. Aber halt: Es wird ja tatsächlich von Klima-Revolution geschrieben.

Ich persönlich möchte all jene Faktoren als Teilaspekte nicht ausschließen. Sicher können sie unterstützend wirken. Aber wenn wir westliche Menschen schon als Teilauslöser gelten wollen, sollte man einen anderen Gedanken Aufmerksamkeit schenken:

Ägypten ist die Tourismus-Revolution.

Der Tourismus könnte seinen Teil beigetragen haben. Vielleicht mehr noch als über Facebook bekommen junge Ägypter über den Tourismus in ihrem Land regelmäßig Kontakt zu westlichen Gedankengut und Lebensstil. Sie sehen, wie wir leben, schließen Freundschaft (auch auf Facebook). Ich denke, friedlicher und respektvoller Tourismus kann langfristig Gesellschaften umwälzen.

Natürlich nicht allein. In Ägypten wäre auch wenig gegangen ohne Al Jazeera. Erleben wir gerade die Al Jazeera-Revolutionen? Zumindest bringen sie dem Sender weltweite Beachtung.

x,y,z-Revolution: Vielleicht ist alles ein Teil, vielleicht alles richtig. Vielleicht aber auch maßlos übertrieben. Revolutionen können historisch betrachtet meist erst einige Jahrzehnte später richtig eingeordnet werden. Nicht von Journalisten oder Kommentatoren, sondern von Historikern.

Bis dahin sollten wir die Revolution in Ägypten von Zwangsehen mit von außen herangetretenen Attributen verschonen und abwarten. Abwarten, ob die Revolution überhaupt eine ist.

PS: Die Oktober-Revolution fand übrigens im November statt, die Februar-Revolution im März.

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Langweilige Texte lustig lesen

Nicht nur im Journalismus kommt es gelegentlich vor, dass man eher langweilige Texte lesen muss. Nicht dass es mir bisher beruflich/schulisch/hochschul-technisch jemals passiert wäre – aber dennoch habe ich da zwei kleine Tipps für euch. Texte, auf die man (gerade) keine Lust hat, lesen einfach gemacht:

1. Der Marktplatz der Eitelkeiten

Dass Leute gelegentlich im Netz Dinge schreiben, die sie auf der Straße (so) nie sagen würden, ist bekannt. Schade eigentlich. Der Gedanke kam mir mal beim Kommentare freischalten auf taz.de. Folgendes Szenario: Wir stellen uns einen großen Platz vor, voller Menschen. Und nach und nach tritt je ein Kommentator aus der Masse hervor und trägt seine Zeilen der Masse vor.

Das kann sehr erheiternd sein. Zumal man als Leser ja die Macht der Phantasie auf seiner Seite hat. Wie gestikuliert die Person, welche Stimme hat sie, wie betont sie den Kommentar? Ach ja: Und wie sieht die Person überhaupt aus?Besonders amüsant kann es werden, wenn die Kommentatoren aufeinander Bezug nehmen (aufeinander, nicht auf die Argumente des anderen natürlich).

Das alles klappt am besten bei schlechten Diskussionen, aber gute braucht man ja auch nicht unterhaltsam zu machen. Am besten eigenen sich Texte zu Boulevard-Themen mit hohem Streitfaktor. Der Gedanke lässt einen danach nicht mehr so schnell los.

2. Wenn Sigmar dem Guido die Schaufel klaut

Redaktionelle Texte können auch viel hergeben, wenn sie viele Namen enthalten. Dafür ist nur ein kleiner Kniff nötig: Man lese nur die Vornamen, bzw. ersetze die Nachnamen oder Umschreibungen durch Vornamen.

So klingt schnell auch der seriöseste Text wie eine Mischung aus Klatschpresse und Erzählung eines Fünfjährigen. Treffender Weise wird dadurch schnell deutlich, dass vieles, was wir täglich lesen, tatsächlich nur Sandkasten-Streitereien von Erwachsenen sind. Egal ob Sport:

Neben Shinji musste Mittelfeldmotor Sven mit einer Knieverletzung passen, Mario und Antonio gaben erst kurzfristig Grünes Licht für ihre Einsätze im Mittelfeld. Etwas überraschend saß Lucas nach guten Trainingseindrücken erneut nur auf der Bank, für Lucas begann wieder Robert.
- (frei zitiert aus dem Bericht zum Bundesliga-Spiel BVB-Stuttgart auf sportal.de)

oder Bundespolitik:

Zu den Unterzeichnern gehören Norbert und Annette sowie Erwin, Bernard und Dieter. Außerdem unterstützen Hermann und Friedrich die Initiative.
- (frei zitiert aus einem Artikel zum Zölibat-Brief auf Spiegel Online)

alles klingt schnell, als sei es der Jahreszeitung des örtlichen Kindergartens entnommen. Die Welt ist wieder in Ordnung :-)

Und jetzt komm mir keiner mit: Und arbeiten Journalisten auch irgendwann? ;-)

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Warum Medien Themen tagelang durchkauen und was das Internet damit zu tun hat

Schon mal gewundert, warum ein totales Nichtthema tagelang in Online-Medien und Zeitungen zu finden ist? Warum es immer weiter gedreht wird? Als jemand, der schon Einblicke sowohl in Online-Medien als auch Zeitungen nehmen konnte, möchte ich da eine These aufstellen:

Der Online-Journalismust ist schuld!

Natürlich nicht allein. Und natürlich gab es die genannten Probleme auch früher schon. Auch da haben bekanntermaßen Zeitungen Themen voneinander abgeschaut, sich aneinander orientiert. Aber: Früher war mehr Zeit dazwischen für neue Inhalte. Durch das Internet wurde aus der Tagestaktung eine Halbtagestaktung. Und zwar, weil sich ein aktuelleres Medium (Internet) an einem inaktuelleren (Zeitung) orientiert.

Den medialen Selbstbezug muss man sich heutzutage in etwa so vorstellen:

Bild anklicken zum vergrößern

Ein Beispiel:

1. Politiker A sagt etwas über Tempolimits auf Autobahnen. Das Thema erscheint Mittags in einem Online-Medium mit ausreichend großer Reichweite/Bekanntheit

2. Die Zeitungen bemerken das Thema. Da sie am nächsten Tag erscheinen, wollen sie nicht (nur) die reine Meldung bringen, haben aber auch nicht viel Zeit für eine große Recherche. Ergebnisse z.B.: Weiterdreh “Welche und wie viele Tempolimits gibt es in Deutschland?” und Weiterdreh “Politiker B zur Aussage von Politiker A”

3. Die Online-Medien sichten Tags drauf die Zeitungen und bemerken viele Texte zur Tempolimit-Thematik. Da die ursprüngliche Meldung bereits von der Startseite/Ressortseite verschwunden ist, man das Thema aber präsent haben will, macht man einen Weiterdreh zum Weiterdreh der Zeitungen. Denkbar: “Politiker A zur Reaktion von Politiker B”, “Politiker C zu Politiker A und B”, “Tempolimits in Frankreich im Vergleich zu Deutschland”

Früher war die Möglichkeit größer, sowohl nach Schritt 1, als auch nach Schritt 2 auszuklinken, da sich das Thema womöglich gesetzt hatte und durch andere verdrängt wurde. Heute ist es meist im Produktionszyklus des Online- bzw. Offline-Mediums noch aktuell (Halbtagstaktung).

Gerade die Online-Medien fühlen sich gezwungen, Nachdrehs zu Nachdrehs zu machen. Der Gedanke dahinter: Selbst wenn man es selbst war, der das Thema in die Nachrichtenwelt gebracht hat, hat das zu dem Zeitpunkt nicht jeder mitbekommen. Viele Leser bemerken das Thema erst, wenn die Konkurrenz es auch behandelt. Sehen die Leser das Thema nicht im aktuellen Bereich, denken sie, die entsprechende Seite hat nichts dazu. Dabei hat sie das vielleicht schon seit Stunden. Es ist nur nach hinten gerückt, wo kaum einer danach sucht.

Wie kann man diese Rekursion durchbrechen? Eine Möglichkeit wäre es, online Themen langsamer „durchrutschen“ zu lassen, sprich die (Start)seite seltener zu ändern. Davon bin ich, der lange und häufig online ist, jedoch nicht so begeistert.

Sinnvoller erscheint es mir, auf der Startseite prominent einen Bereich zu haben, auf dem ältere, aber noch aktuelle Beiträge zu finden sind. Im Ansatz versucht taz.de das mit den „Themen des Tages“. Eine solche Rubrik könnte aber noch prominenter und größer sein.

Darüber hinaus wäre natürlich viel gewonnen, wenn sich die Online Medien weniger an Zeitungen orientierten, sondern verstärkt an anderen aktuellen Medien (das wäre in erster Linie das Fernsehen) oder auch an Facebook und Twitter. Dort könnte man auch kaum kopieren, sondern lediglich Orientierungspunkte dafür finden, was die Leser gerade beschäftigt.

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