Gestern Abend fand das TV-Duell zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen statt. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und CDU-Herausforderer und Bundesumweltminister Norbert Röttgen setzten sich im WDR mit den Fragen von Gabi Ludwig und Jörg Schönenborn, vor allem aber mit dem jeweiligen Kontrahenten auseinander.
Das war der große Pluspunkt des Duells: Es wurde viel diskutiert, die Moderatoren hielten sich im Hintergrund und die Politiker gingen aufeinander ein. Das lag vor allem an Norbert Röttgen, der von Anfang an versuchte, Hannelore Kraft zu attackieren. Diese brauchte zu Beginn ein wenig, war vielleicht von der Angriffslust ihres Konkurrenten überrascht. Sie fand dann aber recht gut in den „Infight“ und hielt über weite Strecken Augenkontakt zu Röttgen, welcher wiederum häufiger in die Leere guckte.
Und so entstand ein Duell, in dem Röttgen engagiert wirkte, aber an vielen Stellen überdrehte. Seine schwächsten Stellen waren, als er Rot-Grün vorwarf, in den vergangenen zwei Jahren die Energiewende in NRW verschlafen zu haben – genau jene Zeit, in der Röttgen selbst die AKW-Laufzeiten erst verlängerte um sie nach Fukushima wieder zu verkürzen. Und: Als Röttgen das Schuldenmachen der Landesregierung kritisierte aber auch auf mehrfache Nachfrage selbst keine Sparkonzepte vorlegen konnte, die über „den Willen zu Sparen“ hinausgingen.
Kraft hingegen wirkte gelegentlich genervt von Röttgen und geriet vor allem zu Beginn häufig in die Defensive. Unterm Strich hatte sie ihr Auftreten aber besser im Griff als Röttgen, der mitunter seltsame Grimmassen schnitt oder während Kraft redete ununterbrochen nickte, um ihr dann zu widersprechen. Zudem viel er ihr zu häufig mit Aussagen wie “doch” oder “nein” in das Wort. Kraft nahm man ab, dass sie das, was sie sagte, auch wirklich für richtig hält. Am Wähler liegt es zu entscheiden, ob auch er das tut.
Viele Wähler schalteten aber nicht ein. Laut Meedia schauten nur 870.000 Personen zu. Dies wird, wie bei TV-Duellen ohnehin meist, die Nachberichterstattung umso bedeutender machen. Viele Nachrichtenseiten hatten das Duell heute Morgen prominent auf ihrer Seite, einige sogar als Aufmacher. Nachfolgend eine kurze Presseschau:
Rainer Kellers kommt für den WDR (auch tagesschau.de) zu einer ähnlichen Ansicht, wie ich. Er schreibt, dass Röttgen gut begann, aber auf die Dauer zu penetrant war. Zudem verweist er darauf, dass Röttgen stark schwitzte. Als Schlussfazit schreibt Kellers: „Norbert Röttgen hat sich gut geschlagen. Aber nicht gut genug, um Hannelore Kraft und der SPD noch einmal gefährlich zu werden.“
In der Rheinischen Post kommen zwei Experten für Körpersprache zu Wort. Ihnen zufolge geht der Sieg „mit dramatischen Abstand“ an Kraft. Röttgens Auftritt sei „nahezu ein Desaster“ gewesen. Ziemlich deutliche Worte. Die online-Redakteure der tendenziell CDU-nahen Zeitung hatten gestern Abend die Sache noch anders gedeutet, schrieben „Im TV-Duell hat Norbert Röttgen Punkte gut gemacht.“
Auf der Westen (Online-Plattform der WAZ-Gruppe) lautet das Fazit: Unendschieden. Tobias Blasius schreibt, die Spitzenpolitiker seien sich treu geblieben. Kollege Frank Fligge sagt, es gebe keine neuen Erkenntnisse.
In der taz analysiert und kommentiert Pascal Beucker das Duell und sieht Röttgen als Verlierer, den bestenfalls ein Unentschieden gelungen sei. Beucker schreibt Röttgen habe gewirkt „wie einer jener unangenehmen Klassenstreber, mit dem auf dem Pausenhof niemand spielen will” oder aber „wie ein Boxer, der nach Punkten uneinholbar zurückliegt und nun in der letzten Runde wild um sich schlägt.“
Für die Süddeutsche Zeitung schreibt Michael König über das TV-Duell und zieht der Vergleich zum Duell Rüttgers-Kraft hervor. König glaubt, Kraft habe aus dem damaligen Duell gelernt und habe den Amtsinhaber-Bonus ausgespielt – der wiederrum habe Rüttgers damals jedoch nicht geholfen. Röttgen kommt aber auch hier nicht gut weg, wird unter anderen als „oberlehrerhaft“ beschrieben.
Jörg Diehl schreibt auf Spiegel Online, dass sich beide Kontrahenten zu sehr in Zahlen verheddert hätten. Kraft habe sich zu sehr auf Röttgens Stil eingelassen. Der wiederrum habe es versäumt, eigene Inhalte vorzustellen. Diehl: „So arbeitet er sich fast ausschließlich an Positionen der Ministerpräsidentin ab – wobei er nicht selten Standpunkte behauptet, die Kraft bereits mehrfach dementiert oder präzisiert hat.“
„Die Tür zu großen Koalition haben die beiden Spitzenkandidaten am Montag nicht zugeschlagen“, schreibt Reiner Burger für die FAZ. Warum er im gleichen Text neun Mal „Frau Kraft“ schreibt, in einem Absatz sogar drei Mal aufeinander, weiß man jedoch nicht. Röttgen jedenfalls wird nicht mit dem Ausdruck „Herr“ versehen.
Bei Zeit Online ist von einem Duell für Eingeweihte die Rede. Lenz Jacobsen sah „ein[en] angriffslustige[n] Röttgen und eine Ministerpräsidentin Kraft, die nicht viel mehr machte, als diese Angriffe abzuwehren.“ Kraft sei dennoch die Siegerin, weil sie im Stil punkten könne. Jacobsen schreibt: „Zu Beginn seines Schlussstatements spricht er die Zuschauer als “liebe Bürgerinnen und Bürger” an. Hannelore Kraft sagt: “liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger”. Solche Details sind es, die Wahlen entscheiden können.“
Bei der Westen und bei sueddeutsche.de gibt es übrigens auch User-Votings, wer das Duell gewonnen habe. Bei Der Westen liegt Kraft mit über 50 Prozent vor Röttgen mit knapp über 20 Prozent. Bei der Süddeutschen sind es sogar fast 90 Prozent, die für Kraft votierten.




