Schaut man die Olympischen Spiele auf ARD und ZDF, bekommt man den Eindruck es gibt nur zwei Arten von Sportlern: Versager und Dopingsünder. Es gibt nur Tage, die Medaillen-Regen mit sich bringen oder schwarze Samstage, Sonntage oder welcher Wochentag auch immer ist.
Besonders traurig das Ganze im Schwimmen und ich befürchte, dass es in der Leichtathletik-Berichterstattung nicht groß anders werden wird. Da fallen Sätze wie „in diesem Finale ist wenigstens mal ein Deutscher dabei“, als ob es selbstverständlich wäre, dass unter den sieben Milliarden Menschen nur sieben besser sind als der beste Deutsche – egal worin.
Natürlich ist es legitim Enttäuschungen als solche zu kennzeichnen. Und natürlich sollte die Saisonbestleistung das Ziel für Olympia sein. Aber selbst die ist nicht immer selbstverständlich. Es gibt so viel was stimmen muss. Und Faktoren, wie extrem frühe Qualifikationszeiträume oder zusätzliche Saisonhöhepunkte zum Beispiel in Form von Kontinentalmeisterschaften sind dabei nicht einmal erwähnt – wobei gerade Medien sich in Hinblick auf letztgenannte selbst kritisch hinterfragen sollten. Manchmal ist weniger mehr.
Nicht selten habe ich das Gefühl, ARD und ZDF moderieren sich bereitwillig in einen Sog. Wenn einmal etwas schlecht ist, dann ist direkt alles ein Desaster. Dramatisierungen, die man sonst eher bei der Bild vermutet, nicht beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Und dann reicht manchmal nicht einmal eine Saisonbestzeit. „Letztes Jahr war er aber schneller“ hört man. Nein, verdammt, es geht nicht jedes Jahr immer weiter nach oben, nur weil es gerade nationaler Auftrag ist.
Ein Auftrag, eingefordert von TV-Berichterstattern, die die meisten Sportler auf der Straße nicht erkennen würden und den diese weitertragen und multiplizieren auf eine Horde von Sofa-Verwachsenen, die nicht annähernd zu den Weltklasse(!)-Leistungen imstande wären, die selbst im Vorlauf erbracht werden. Schon mal überlegt, dass der überwiegende Teil der Menschheit an der Qualifikation zu den Spielen scheitert, selbst wenn er es versucht?
Das ist Deutschland: Es will mehr Medaillen als alle anderen Länder, schaut aber schon jeden Jogger im Park an, als beginge er eine Erregung öffentlichen Ärgernisses.
Warum Deutschland so schlecht sei, wie es angeblich ist, können dann aber nicht einmal Experten beantworten. Auch wenn sie lange selber Schwimmerin waren und in jedem zweiten Satz erwähnen, dass sie ja die Expertin sind. Wozu auch. Die Frage „Warum holen wir kein Gold?“ ist keine Frage, es ist ein Vorwurf. Antworten würden mitunter ja auch andere treffen, als die Sportler. Man müsste über die mangelnde Vereinbarkeit von Wettkampfsport und Beruf sprechen. Über die mangelnde Wertschätzung von Ehrenamt und Trainern. Und über die chronische Unterfinanzierung von Sportvereinen.
Aber darum soll es nicht gehen. Die Masse will unterhalten werden. Und das bitte in Hollywood-Manier: Großes Drama und am Ende gewinnen die Guten. Und das sind natürlich unsere Jungs und Mädels. Auch wenn vermutlich jetzt schon kein Schwein mehr alle deutschen Medaillengewinner beim Namen kennt. Ach was sag ich, es hat sich selbst während des Siegs des Deutschland-Achters niemand für die Namen der Ruderer interessiert. Das Ding hieß Achter, fertig.
Und weil uns kein Popcorn-Sport geliefert wird, sind eben alle Versager. Sogar mangelnder Wille wird dann vorgeworfen – wohlgemerkt auch von Leuten, die einmal die Woche eine halbe Stunde Joggen für regelmäßiges Training halten. Nein, den Athleten in London fehlt es sicher nicht am Willen. Der überwiegende Teil der Sportler ist im Amateursport tätig. Das bedeutet: Neben dem Sport wird fleißig gearbeitet, um über die Runden zu kommen. Und dennoch schinden sie sich – eben weil sie es wollen. Dabei sein. Bei Olympia.
Und weil jetzt sicher das Gegenargument Sporthilfe und Sportsoldaten kommen wird: Ja, die gibt es. Die gibt es übrigens auch in China. Da kritisieren wir sie aber als staatlich finanzierte Berufssportler.
Ohnehin liefert China eine super Hass-Vorlage. Vor wenigen Jahrzehnten noch Randerscheinung, ist das Land nun Weltmacht- auch im Sport. Eigentlich nicht wirklich überraschend bei der Bevölkerung und dem Lebensstil, den sich zumindest weite Teile des Landes erarbeitet haben. Aber nein, wir wittern überall Betrug. Schwimmt Phelps zu einem Weltrekord, ist alles sauber. Schwimmt eine Chinesin Weltrekord, kann sie nur gedopt sein.
Sicher, die Leistungen stinken mitunter gewaltig (im Übrigen über alle Nationengrenzen hinweg). Aber wir sollten aufpassen, dass das nächste 16-Jährige-Fabelweltrekord-Doping-Kind nicht aus Deutschland kommt, und von Medien und Zuschauern frenetisch als Erlösung vom Debakel gefeiert wird. Denn genau das ist es, was wir wollen: Unmenschliches. Und irgendwann werden wir dann auch unmenschliches kriegen.
Ich will es nicht. Klar, ich bin selbst auch Journalist. Bei den Spielen schlägt mein Herz aber vor allem als Sportler. Und da wünsche ich mir etwas mehr Respekt, deutlich mehr Fachkenntnis und vor allem sauberen, völkerverbindenden Sport, bei dem der Beste gewinnt.